Nimm und lies

Heute findet die steinalte Sophia eine Scherbe mit einem großen L, eine mit einer blauen Leiter, eine mit Boden und Horizont, eine mit einem Bogen, Katzenohr und Schnurrhaaren – diese alle blauweiß. Und zum Schluss findet sie eine Scherbe mit einer rosafarbenen Blüte, ziemlich gut ausgeschnitten.
Sie erzählt dazu die folgende Geschichte: Es war einmal der Junge Ludovico, der eine Leiter bestieg, damit er den Horizont sehen konnte. Aber er konnte ihn nicht erkennen. Er kletterte wieder hinunter und auf dem Boden sah er seinen Kater Murr, sich im nassen Grase wälzend. Der Kater sprang jäh auf, warf sich im hohen Bogen gegen das Mandelbäumchen, nahm den Stamm und die drei ersten Äste, krallte sich an einem Zweig fest, scheiterte und fiel. Die rosafarbenen Blüten tanzten umher. Ein kräftiger Windstoß fegte auch die noch Knospen vom Baum.

Scherben vom Rheinufer Düsseldorf, Fotografie RW 11. März 2026

Sophia, idea, psifío

Nun sehe ich, dass im griechischen Alphabet der 23. Buchstabe das Ψ (Psi) ist. Der Anfangsbuchstabe des Wortes psifío, Zahl, Ziffer – sehr schön. Das Wort Idee ist das Wort aus meinem Traum, in dem ich die 23 fand. Idee hat die Quersumme 23 gleich 5. Idea allerdings nur 19, gleich 10, gleich 1. Diese Eins fehlt in meinem Traum, ich sollte ja die Zahl 24 finden, nicht die 23.
Der 23. Buchstabe im heutigen deutschen Alphabet ist das W – auch sehr schön.
Sophia ist einer meiner Lieblingsnamen und gleichzeitig die Weisheit. Im gnostischen Mythos allerdings wird vom Sturz der Sophia gesprochen, sie ist damit auch für die Finsternis, fehlerhafte Schöpfung der materiellen Welt verantwortlich. In der Gnosis gibt es den einen transzendenten, fernen Gott und den Demiurgen, den Schöpfergott, der die materielle Welt schafft mit all dem Bösen. Die Menschen tragen einen göttlichen Funken aus dem Lichtreich des Transzendenten in sich, und wenn sie sich dessen bewusstwerden, zur Erkenntnis, zum Wissen kommen, können sie erlöst werden.
Ich neige dazu, alle Zahlen, die ich irgendwo sehe, zusammenzuzählen, Quersummen zu errechnen, sie zu deuten. Ein Sinn und Unsinn, der zu meiner Sammelleidenschaft gehört und sich in einen Aberglauben verwandeln kann.
Und nun bin ich durch das Anhören eines ungeheuer beeindruckenden Gesprächs mit dem Theologen und Kenner des antiken Christentums Christoph Johannes Markschies sehr betroffen. Es kamen Sophia, Idea und Zahl darin vor und viele Fragen zur Geschichte der Religionen, so dass ich das Gespräch sicher noch mehrfach anhören werde. Das Gespräch über die Gnosis, Gnostizismus und Gnostik und warum das Böse in der Welt existiert, wurde in der Gerda Henkel Stiftung in Düsseldorf geführt. Ich habe noch lange nicht alles begriffen und stelle hier nur Details einer verkürzten Erinnerung dar.

Display in meinem Auto mit schönem Kilometerstand, Fotografie RW, Winter 2025 
Im Internet kann man das Gespräch der Gerda Henkel Stiftung anhören. https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/zu_gast_bei_lisa_markschies_gnosis

Vorhersagen


Regelmäßig gibt es die großen Familientreffen. Als die Mutter 90 wird, feiern fast zwanzig Personen. Einer bringt den üppigen Tulpenstrauß mit, der auf dem großen Schreibtisch des Vaters platziert wird. Alle fotografieren und es wird auch gefilmt. Das Filmen mögen nicht alle. Ein blaues Kleid wird kommentiert, Blicke geworfen, Anweisungen zum weiteren Verlauf des Tages gegeben. Die Mutter bleibt meist stumm, der Vater nicht. Der Kaffeetisch ist übervoll. Nicht alle Kuchen werden gegessen. Der Favorit ist ein Haselnusskranz, der Lieblingskuchen des Sohnes, der am gleichen Tag Geburtstag hat wie die Mutter. Meist sitzen die Schwiegersöhne und die Enkel am Katzentisch, da der Esstisch nur für acht Personen Platz hat. Später gehen alle gemeinsam auf die Terrasse, um das Gruppenfoto zu machen. Alle wollen helfen, tragen Stühle, geben eine Hand an der Türschwelle. Der Mutter werden kleine Blumen aus dem Garten gezeigt, sie erkennt die Physalis aus dem letzten Jahr. Ein wunderbar feines Lampion-Netz hat sich um die orangefarbene Frucht gebildet. Eine Tochter passt mit ihren blauen Farben genau zu ihren Söhnen, daher muss sie sich mit den beiden noch einmal gesondert zum Foto aufstellen. Vierzehn Jahre konnte die steinalte Sophia die Filme aus dem Archiv nicht ansehen. Heute kann sie sich kaum davon abwenden.

Familienfest zum 90. Geburtstag, Fotografie RW im März 2012, umgewandelt in Schwarz-Weiß am 2. März. 2026, Archiv RW

La Santuzza

Werde ich in meinem Leben noch auf den Monte Pellegrino steigen können, um das Heiligtum der Santa Rosalia aufzusuchen? Auf Sizilien war ich schon, allerdings nur ein Mal in den späten 70er Jahren. Da bin ich an der Meerenge bei Reggio Calabria nach Messina übergesetzt, hab kurz am Capo di Milazzo gebadet und bin weitergefahren bis Siracusa, immerhin. Dort habe ich die Fonte Aretusa mit den echten Papyrusstauden gesehen, am Dom Santa Maria delle Colonne die Spolien des Athene-Tempels entdeckt und den Caravaggio in der Santa Lucia al Sepolcro gesehen. In Siracusa war mir bewusst, dass ich südlich der afrikanische Küstenlinie war.
Goethe kam nicht bis Siracusa. Aber er war von Neapel aus nach Palermo gesegelt und bestieg dort mit dem Zeichner Kniep den Monte Pellegrino, auch um das Santuario di Santa Rosalia zu besuchen. In eine Felsenhöhle des Berges ist eine Kapelle eingebaut. Betritt man sie, entdeckt man unter einem Baldachin den gläsernen Schrein. Darin liegt die Gestalt der Heiligen von dem Bildhauer Gregorio Tedesco in weißem Marmor geschaffen. Um 1625 hatte man in der Höhle ihre unversehrte Leiche gefunden. Als die sterblichen Überreste nach Palermo gebracht wurden, waren alle Kranken wie durch ein Wunder von der Pest geheilt. Zum Dank errichtete man ihr das Heiligtum. Die Figur der Rosalia stützt ihren Kopf mit der Hand, als würde sie ruhen, Augen und Mund sind allerdings geöffnet, der extatische Blick erinnert mich an die Verzückung der heiligen Theresa in Rom.
Goethe musste sich niederknien, um im Dämmerlicht die Rosalia zu betrachten.
Ein schönes Frauenzimmer erblickt‘ ich bei dem Schein einiger stillen Lampen. Sie lag wie in einer Art von Entzückung, die Augen halb geschlossen, den Kopf nachlässig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen Ringen geschmückt war. Ich konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien mir ganz besondere Reize zu haben. Ihr Gewand ist aus einem vergoldeten Blech getrieben, welches einen reich von Gold gewirkten Stoff gar gut nachahmt. Kopf und Hände, von weißem Marmor, sind, ich darf nicht sagen in einem hohen Stil, aber doch so natürlich und gefällig gearbeitet, dass man glaubt, sie müsste Atem holen und sich bewegen. Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem Lilienstengel Kühlung zuzuwehen.
Goethe beschreibt auch das Wasser, was in der Höhle stetig von den Wänden tropft. Man versucht es in vielen provisorischen Leitungen aufzufangen. Typisch für das Karstgestein sind die vielen Spalten und Grotten. In nahe gelegenen Höhlen fand man frühe Siedlungsspuren aus dem Jungpaläolithikum. Auf den Monte Pellegrino möchte ich daher schon allein wegen der zu findenden Fossilien und Artefakte. Fossile Meeresschnecken und Muscheln, passend für den Pilgerberg zum Beispiel Pecten, die Pilgermuschel.
Der heiligen Rosalia hab ich ein kleines, gläsernes Schreinchen gewidmet – mit einer blonden Haarlocke darin, die man mir im Alter von zwei Jahren abschnitt und all die Jahrzehnte verwahrte. Auf das Kästchen setzte ich einen Rhodochrosit und einen geschliffenen Rosenquarz, alles zu ihrem Gedenken.

Ormolubox mit Rhodochrosit und Rosenquarz, Sammlung RW, Fotografie RW, 22. Februar 2026

Der Schuldige

Von dem Knoten-Ring erzählt der indische Prinz folgende Geschichte. Demjenigen, der ihn 1971 in Mailand erwirbt, wird kurz nach dem Kauf, sogar am gleichen Tag in einer Osteria die Brieftasche gestohlen. Er bittet die goldene Madonnina auf dem Duomo um Hilfe, es nützt rein gar nichts, weder die Polizei noch das Konsulat kann ihm helfen. Also eilt er zurück in die Galleria Vittorio Emanuele II zum Schmuckladen und will die Summe, die er für den Ring gab, wiederhaben. Der Juwelier aber bietet ihm nur die Hälfte des bezahlten Geldes. Darauf will sich der Ringkäufer nicht einlassen. Eine Dame, die sich eine kleine antike Taschenuhr in Herzform, über und über mit Diamanten besetzt, ansieht, hört das wenig freundliche Gespräch unfreiwillig mit. Da mischt sie sich ein. Verehrter Herr, wollen Sie mir nicht diesen schönen Ring verkaufen, ich zahle Ihnen auch den gesamten Kaufpreis. Schon immer wollte ich einen Ring mit einem Lover’s Knot besitzen! In England, meinem Heimatland, ist dies ein seit Jahrhunderten beliebtes Schmuckmotiv. Auch in der antiken Welt gibt es den Liebesknoten als Ring oder als Brosche. Etwas verlegen entgegnet der Ringkäufer, nun, ich bräuchte das Geld allerdings in bar, da man mich bestohlen hat. Das ist kein Problem, entgegnet die Dame, lassen Sie uns den Laden verlassen und in einem Café das Geschäft machen.
Der Herr wird sich schnell einig mit der Dame. Diese eilt davon und ward nicht mehr gesehen. Nicht einmal ihren Namen gab sie preis. Der indische Prinz war selbst einst der Ringkäufer und Bestohlene, was er jetzt gerne zugibt. Noch heute ist er versucht, alle unglücklichen Ereignisse, alles Böse und alle Krankheiten , die ihn treffen, dem goldenen Ring zuzuschieben. Wie er vermessen glänzt und sich mit seinen verschlungenen, dicken Bändern hoch über dem Finger seines Trägers aufbaut!

Goldener Knotenring mit italienischer Punze auf Keramikkopf und Keramiksockel mit Goldnuggets und kleiner Taschenuhr, Sammlung RW, Fotografie RW, 30. Januar 2026

Italienische Reise

Der gerade aufragende Zeigefinger der kolossalen Hand ist ergänzt, nicht original. Ich sah die Hand 1971 zum ersten Mal auf meiner ersten Romreise. Sie steht bis heute im Cortile dei Conservatori bei den kapitolinischen Museen auf dem Campidoglio, zusammen mit dem riesigen Kopf, den Knie- und Fußfragmenten. Ab 2023 hat man die gigantische Statue Kaiser Konstantins rekonstruiert und eine Version auch nahe den kapitolinischen Museen aufgestellt. Etwa 13 Meter hoch. Der rekonstruierte Konstantin sitzt auf einem Thron, hält in seiner rechten Hand ein Zepter, die linke legt er auf den Reichsapfel. Der Zeigefinger der rechten Hand ist gekrümmt, um den Stab des Zepters umfassen zu können. Um 1778 aquarellierte Johann Heinrich Füssli die großen Marmorfragmente der Hand und des Fußes in Sepia und roter Kreide – darauf ist der Zeigefinger auch gekrümmt – ein neben dem Monument sitzender Künstler legt seinen Arm auf den Riesenfuß, seinen Kopf mit verborgenem Gesicht wie trauernd in die linke Hand gestützt. Dahinter die monumentale Hand, Pflanzen wollen sie überwuchern. Die große Hand erreicht mit 1,66 m fast meine Lebensgröße. Meine Freundin fotografierte mich damals, wie ich fast trotzig mit Sonnenbrille und Umhängetasche unmittelbar davor stehe.
Goethe beginnt seine italienische Reise erst Mitte der 1780er Jahren. Auch er zeichnet Antiken in Rom ab, aber soweit ich weiß, nicht die Trümmer des Kolosses. Er kauft sich viele Gipse und auch 200 Abdrücke antiker Gemmen. Besucht am 25. Juli 1787 mit dem Grafen Fries die Gemmensammlung des Prinzen von Piombino. Dies alles lese ich in Goethes Reiseschilderungen. Ein Bildchen wie einen Schattenriss oder eine geschnittene Gemme möchte ich auf altes Porzellan bringen, um es als ein Souvenir der Grand Tour aufstellen zu können. Ein paar Zahlen werde ich dem Dekor hinzufügen, vielleicht diese:
Ich rechne: Goethes Geburtsjahr 1749 plus sein Sterbejahr 1832 ergibt die Summe 3581. Sofort springen mir meine Geburtszahlen in den Kopf – 3851.

Spielereien mit meinem Fotoarchiv Italien 1971, altem Porzellan und Goethes Italienreise. Sammlung RW, Fotografie RW, 27. Januar 2926 
Johann Heinrich Füssli: «The Artist in Despair over the Magnitude of Antique Fragments» (right hand and left foot of the Colossus of Constantine) 1778-80 (red chalk and sepia wash on paper))
Johann Wolfgang Goethe «Italienische Reise», Insel Taschenbuch 175, München 1974

Knotenlöserin

Wie kann man die Knoten entwirren? Einfach zerschlagen oder mühselig jeden Faden verfolgen und auseinanderziehen? Mit Wut oder mit Geduld?
Zunächst will ich aufräumen, die Archive ordnen, viele unnütze Dinge entsorgen, altes Gold und Silber verkaufen, lange Spaziergänge machen, neue Projekte entwerfen und verfolgen, den Tisch freimachen, jeden Tag ein Lied singen, das Haus putzen, die gekauften Bücher lesen, die Steine an den Rhein zurückbringen, alle Passwörter auswendiglernen, die Namen der Rheinschiffe sammeln und auf der Kniebrücke 23 mal laut gegen den Verkehrslärm anschreien.
Als ich in Augsburg war, habe ich die heilige Maria Knotenlöserin in der Kirche St. Peter am Perlach gesehen. Löst die Maria den Knoten im weißen flatternden Band oder zieht sie ihn zusammen? Das Zusammenziehen ist schmerzhaft, es wird eng.
Das Bild wurde um 1700 vom Augsburger Patrizier Hieronymus Ambrosius Langenmantel gestiftet. Er wünschte sich sicher Beistand und Fürsorge von der Mutter Gottes. Am unteren Rand des Bildes ist ein winziger Wanderer in Begleitung eines Engels zu sehen. Schutz auf allen Wegen. Im Blog hab ich das Andachtsbild wohl schon einmal erwähnt. Ich werde sogleich suchen, wann das war. Vielleicht ist das aber ein Irrtum, zum Motiv des Knoten hab ich aber schon geschrieben, da bin ich mir sicher.

Alter Schmuck auf Keramik mit Amethystdruse, Fotografie und Sammlung RW, 2024,
bearbeitet am 23. Januar 2026

Neues altes Märchen

Die steinalte Sophia wusste nichts von dem Märchen, das Goethe 1795 herausgab. Sie fragt den indischen Prinzen danach und sogleich kann er ihr davon berichten, ja es fast wortwörtlich zitieren. Er spricht von den zwei Irrlichtern, dem Fährmann, dem Fluss, dem Schatten des Riesen und vor allem von der Schlange, die zu leuchten beginnt, nachdem sie die Goldstücke des Fährmanns fraß. Die Augen des indischen Prinzen glänzen, als er von den acht Edelsteinen erzählt, die im Märchen vorkommen. Onyx, Jaspis, Prasem, Smaragd, Chrysopras, Chrysolith, Beryll und Topas. Alle hatte Goethe in seiner Mineraliensammlung. Der indische Prinz freut sich, dass er ebenso alle besitzt und wundert sich, dass der Prasem dabei ist – eine grüne Quarzvarietät und auch, dass dieser zu Goethes Zeiten bekannt war. Ebenso ist im Märchen von den Metallen die Rede – Gold, Silber und Erz. Und vor allem das Licht scheint ein Leitmotiv zu sein – Irrlichter, leuchtende Schlange, die Sonne, der besondere Alte mit der Lampe, der Lichtstrahl, der durch die Kuppelöffnung im Felsengebäude fällt (der indsche Prinz weiß sofort, dass Goethe bei diesem Erzähl-Bild an das Pantheon in Rom gedacht hat), der Spiegel, den der Habicht hoch in die Lüfte trägt, um die Strahlen der noch verborgenen Sonne zu reflektieren und damit Schlafende zu wecken. Die schöne Lilie, den Jüngling, die Alte, den Mops (verwandelt in dunklen Onyx) und den Kanarienvogel (verwandelt in einen goldenen Topas) erwähnt der indische Prinz auch – aber den Ouroboros, den wird er nie vergessen und ist so froh, dass er ihn im Märchen erkannt hat. Denn die freundliche und hilfreiche, wohlthätige, Smaragd-leuchtende Schlange formt mit ihrem Körper den Kreis um den Körper des toten Jünglings – kein Anfang und kein Ende – und beschützt ihn, bis er wieder zum Leben erweckt wird.

Mit dem Gemmenring im Goethe Museum Düsseldorf am 30. Dezember 2025, Fotografie RW, bearbeitet zu Neujahr 2026
 „Alle brauchen Märchen. Goethes ‚Märchen‘ heute“, Sonderausstellung im Goethe Museum
noch bis zum 1. März 2026
 

Weihnachten und Botschaften für das Neue Jahr

Zu Weihnachten bekommt der indische Prinz Besuch von der steinalten Sophia. Sie bringt gleich drei Freundinnen mit – Judith, Carlotta und Franka. Sie sitzen am heiligen Abend zusammen unter dem hohen Weihnachtsbaum, den sie gemeinsam geschmückt haben. Der indische Prinz besitzt alten Baumschmuck, geschliffene Kristalle, lange Ketten aus silbernen Perlen und Lametta, das er noch kurz vorher aufgebügelt hat. Fertig geschmückt glitzert der Baum im hellen Kerzenglanz. Die vier Frauen und der Prinz trinken Tee und essen Scones mit clotted cream und Erdbeermarmelade, wunderbar auf einer großen Etagere aufgebaut. Im Halbdunkel erzählen sie Geschichten aus dem Jahr, das nun zu Ende geht. Der indische Prinz holt seine Schmuckschatulle aus dem Tresor in der Bibliothek, wo auch seine kostbarsten Bücher lagern. Er möchte zu einem Ring, den er in diesem Jahr ersteigerte, eine Geschichte erzählen. Er zeigt den großen Ring hervor, es ist ein sogenannter Gemüsering. Wie in einem  Garten wachsen dort zwischen goldenen Blättern und Ranken Diamantblüten und Perlenknospen. Zwei weiße Perlen und eine schwarze aus Onyx. Das sind wir fünf sagt der indische Prinz. Ich bin der Onyx, ein Verwandter des Achats, eine Quarzvarietät, meist dunkel gefärbt, traditionell schon mindestens seit dem 19. Jh.. Carlotta und Franka sind die Perlen, makellos und mit einem schönen Lüster, Franka etwas bläulich, die Carlotta cremefarben. Judith und Sophia sind die Diamanten, der große mit einem natürlichen Ausbruch an der Rondiste, das bist du Sophia. Und du Judith bist der kleinere, ohne Einschluss, beide Millionen Jahre alt. Gemeinsam schmücken wir den kleinen Garten und sind beieinander bis an unser Lebensende. Die Frauen wissen nicht, was sie von dieser Erzählung halten sollen. Sophia überlegt, was der indische Prinz mit dem Makel meint, wagt aber nicht zu fragen. Sie hat Angst, dass er in die Zukunft geschaut und irgendein Unheil für sie gesehen hat. Aber wie kann er das? Wahrscheinlich meint er mich als die Älteste in der Runde, so alt, da hat sich die ein oder andere Gebrechlichkeit schon eingestellt. 
Judith gefällt der Ring sehr, sie darf ihn tragen während des ganzen Nachmittags und Abends. Er ist so groß, dass er das untere Fingerglied ihres Ringfingers übersteigt. Immer wieder wiegt sie ihre Hand hin und her, so dass die Brillanten aufblitzen.
Der Abend geht zu Ende, die fünf stimmen noch zum Abschied ein altes Christmas Carol an. Draußen ist es kalt und dunkel, aber Mantel, Handschuh und Schal wärmen. Die vier Frauen gehen ihrer Wege. Der indische Prinz räumt die feinen Teetassen in die Küche, als sein Telefon läutet. Es ist Judith, die zu Hause beim Abstreifen ihres Handschuhs bemerkt hat, dass sie den Gemüsering noch am Finger trägt. Es ist ihr hoch peinlich, kehrt zurück und will den Ring zurückgeben. Der indische Prinz aber sagt: Der Ring hat dich gewählt, es ist jetzt deiner.

Grünglasierte Keramik mit Gemüsering und Papierauge auf Muschelkalk. Sammlung RW, Fotografie RW, Weihnachten 2025

 

Ungeduld und Übertreibung

Die steinalte Sophia ärgert sich seit Ende November. Zum einen wegen der rasenden Zeit und zum anderen wegen der Ungeduld und Übertreibung. Die zwei ersten Kerzen auf ihren Adventskranz sind noch nicht mal um ein Fünftel abgebrannt. Und morgen soll sie schon die dritte anzünden. Die Zeit vor Weihnachten – wie lang war sie zu ihrer Kinderzeit. Dass alle Menschen um sie herum schon seit Wochen Weihnachten feiern, gefällt ihr nicht. In den erleuchteten Fenstern sieht sie beim Abendspaziergang fertig geschmückte Tannenbäume. In den Läden schon seit Oktober Süsskram und Lichterketten. Der Gipfel ist für sie eine rosafarbene Plastiktanne mit blinkenden Lichtern in einem billigen Deko-Laden. Im Fernsehen wird sie mit Berichten belästigt, die schrille Wettbewerbe um Weihnachtshäuser dokumentieren, die aus dem Fenster hängende Coca-Cola-Nikoläuse und Rentierschlitten auf den Dächern zeigen. Die Übertreibung kennt keine Grenzen mehr, dazu gesellt sich die Ungeduld. Das eigentliche Weihnachtsfest wird unendlich oft vorweggenommen. Man dekoriert auf Betriebsfeiern tausend Lichterketten und singt Lieder kreuz und quer. Der Höhepunkt ist, als sie hungrig in einer Wirtschaft sitzt und zum Hering Hausfrauenart ohrenbetäubend laut die Weihnachtsbäckerei aber auch Tochter Zion, freue dich von einem Entertainer am Keyboard serviert bekommt. Oder sie sieht in den Social Media einen jungen Mann, der eine Weihnachtsfeier um seine eigene Person veranstaltet. Er trägt dazu einen Kopfputz mit einem goldenen Thron und Engelsflügeln. Er lädt Freunde und Gleichgesinnte ein, an einer langen Tafel Platz zunehmen. Überall sind weißglitzernde Tannenbäume aufgestellt, man stößt mit Champagner an, die Kerzenleuchter flirren. Eine Opersängerin singt gegen das Gläserklirren an, Tränen fließen groß über geschminkte Gesichter. Nun singen alle mit und gehen ins Schunkeln über.
Der steinalten Sophia wird speiübel, aber auch weil sie sich erlaubt, dass diese Dinge ihren Kopf besetzen.
Was reg ich mich so auf, bin selbst schuld, was starre ich auch stundenlang in mein Smartphone.
Da begegnet ihr ein Bild, was sie nicht erwartet hat – sie ist angezogen von dem ihr vertrauten Geheimnis – die Legende des heiligen Hubertus ist ihr schon seit ihrer Jugend ans Herz gewachsen. Das Bild von Franz von Stuck kannte sie noch nicht.

Die Vision des heiligen Hubertus, Franz von Stuck, 1890, Villa Stuck München