Von dem Knoten-Ring erzählt der indische Prinz folgende Geschichte. Demjenigen, der ihn 1971 in Mailand erwirbt, wird kurz nach dem Kauf, sogar am gleichen Tag in einer Osteria die Brieftasche gestohlen. Er bittet die goldene Madonnina auf dem Duomo um Hilfe, es nützt rein gar nichts, weder die Polizei noch das Konsulat kann ihm helfen. Also eilt er zurück in die Galleria Vittorio Emanuele II zum Schmuckladen und will die Summe, die er für den Ring gab, wiederhaben. Der Juwelier aber bietet ihm nur die Hälfte des bezahlten Geldes. Darauf will sich der Ringkäufer nicht einlassen. Eine Dame, die sich eine kleine antike Taschenuhr in Herzform, über und über mit Diamanten besetzt, ansieht, hört das wenig freundliche Gespräch unfreiwillig mit. Da mischt sie sich ein. Verehrter Herr, wollen Sie mir nicht diesen schönen Ring verkaufen, ich zahle Ihnen auch den gesamten Kaufpreis. Schon immer wollte ich einen Ring mit einem Lover’s Knot besitzen! In England, meinem Heimatland, ist dies ein seit Jahrhunderten beliebtes Schmuckmotiv. Auch in der antiken Welt gibt es den Liebesknoten als Ring oder als Brosche. Etwas verlegen entgegnet der Ringkäufer, nun, ich bräuchte das Geld allerdings in bar, da man mich bestohlen hat. Das ist kein Problem, entgegnet die Dame, lassen Sie uns den Laden verlassen und in einem Café das Geschäft machen.
Der Herr wird sich schnell einig mit der Dame. Diese eilt davon und ward nicht mehr gesehen. Nicht einmal ihren Namen gab sie preis. Der indische Prinz war selbst einst der Ringkäufer und Bestohlene, was er jetzt gerne zugibt. Noch heute ist er versucht, alle unglücklichen Ereignisse, alles Böse und alle Krankheiten , die ihn treffen, dem goldenen Ring zuzuschieben. Wie er vermessen glänzt und sich mit seinen verschlungenen, dicken Bändern hoch über dem Finger seines Trägers aufbaut!
Italienische Reise
Der gerade aufragende Zeigefinger der kolossalen Hand ist ergänzt, nicht original. Ich sah die Hand 1971 zum ersten Mal auf meiner ersten Romreise. Sie steht bis heute im Cortile dei Conservatori bei den kapitolinischen Museen auf dem Campidoglio, zusammen mit dem riesigen Kopf, den Knie- und Fußfragmenten. Ab 2023 hat man die gigantische Statue Kaiser Konstantins rekonstruiert und eine Version auch nahe den kapitolinischen Museen aufgestellt. Etwa 13 Meter hoch. Der rekonstruierte Konstantin sitzt auf einem Thron, hält in seiner rechten Hand ein Zepter, die linke legt er auf den Reichsapfel. Der Zeigefinger der rechten Hand ist gekrümmt, um den Stab des Zepters umfassen zu können. Um 1778 aquarellierte Johann Heinrich Füssli die großen Marmorfragmente der Hand und des Fußes in Sepia und roter Kreide – darauf ist der Zeigefinger auch gekrümmt – ein neben dem Monument sitzender Künstler legt seinen Arm auf den Riesenfuß, seinen Kopf mit verborgenem Gesicht wie trauernd in die linke Hand gestützt. Dahinter die monumentale Hand, Pflanzen wollen sie überwuchern. Die große Hand erreicht mit 1,66 m fast meine Lebensgröße. Meine Freundin fotografierte mich damals, wie ich fast trotzig mit Sonnenbrille und Umhängetasche unmittelbar davor stehe.
Goethe beginnt seine italienische Reise erst Mitte der 1780er Jahren. Auch er zeichnet Antiken in Rom ab, aber soweit ich weiß, nicht die Trümmer des Kolosses. Er kauft sich viele Gipse und auch 200 Abdrücke antiker Gemmen. Besucht am 25. Juli 1787 mit dem Grafen Fries die Gemmensammlung des Prinzen von Piombino. Dies alles lese ich in Goethes Reiseschilderungen. Ein Bildchen wie einen Schattenriss oder eine geschnittene Gemme möchte ich auf altes Porzellan bringen, um es als ein Souvenir der Grand Tour aufstellen zu können. Ein paar Zahlen werde ich dem Dekor hinzufügen, vielleicht diese:
Ich rechne: Goethes Geburtsjahr 1749 plus sein Sterbejahr 1832 ergibt die Summe 3581. Sofort springen mir meine Geburtszahlen in den Kopf – 3851.
Spielereien mit meinem Fotoarchiv Italien 1971, altem Porzellan und Goethes Italienreise. Sammlung RW, Fotografie RW, 27. Januar 2926
Johann Heinrich Füssli: «The Artist in Despair over the Magnitude of Antique Fragments» (right hand and left foot of the Colossus of Constantine) 1778-80 (red chalk and sepia wash on paper))
Johann Wolfgang Goethe «Italienische Reise», Insel Taschenbuch 175, München 1974
Knotenlöserin
Wie kann man die Knoten entwirren? Einfach zerschlagen oder mühselig jeden Faden verfolgen und auseinanderziehen? Mit Wut oder mit Geduld?
Zunächst will ich aufräumen, die Archive ordnen, viele unnütze Dinge entsorgen, altes Gold und Silber verkaufen, lange Spaziergänge machen, neue Projekte entwerfen und verfolgen, den Tisch freimachen, jeden Tag ein Lied singen, das Haus putzen, die gekauften Bücher lesen, die Steine an den Rhein zurückbringen, alle Passwörter auswendiglernen, die Namen der Rheinschiffe sammeln und auf der Kniebrücke 23 mal laut gegen den Verkehrslärm anschreien.
Als ich in Augsburg war, habe ich die heilige Maria Knotenlöserin in der Kirche St. Peter am Perlach gesehen. Löst die Maria den Knoten im weißen flatternden Band oder zieht sie ihn zusammen? Das Zusammenziehen ist schmerzhaft, es wird eng.
Das Bild wurde um 1700 vom Augsburger Patrizier Hieronymus Ambrosius Langenmantel gestiftet. Er wünschte sich sicher Beistand und Fürsorge von der Mutter Gottes. Am unteren Rand des Bildes ist ein winziger Wanderer in Begleitung eines Engels zu sehen. Schutz auf allen Wegen. Im Blog hab ich das Andachtsbild wohl schon einmal erwähnt. Ich werde sogleich suchen, wann das war. Vielleicht ist das aber ein Irrtum, zum Motiv des Knoten hab ich aber schon geschrieben, da bin ich mir sicher.
Alter Schmuck auf Keramik mit Amethystdruse, Fotografie und Sammlung RW, 2024,
bearbeitet am 23. Januar 2026
Neues altes Märchen
Die steinalte Sophia wusste nichts von dem Märchen, das Goethe 1795 herausgab. Sie fragt den indischen Prinzen danach und sogleich kann er ihr davon berichten, ja es fast wortwörtlich zitieren. Er spricht von den zwei Irrlichtern, dem Fährmann, dem Fluss, dem Schatten des Riesen und vor allem von der Schlange, die zu leuchten beginnt, nachdem sie die Goldstücke des Fährmanns fraß. Die Augen des indischen Prinzen glänzen, als er von den acht Edelsteinen erzählt, die im Märchen vorkommen. Onyx, Jaspis, Prasem, Smaragd, Chrysopras, Chrysolith, Beryll und Topas. Alle hatte Goethe in seiner Mineraliensammlung. Der indische Prinz freut sich, dass er ebenso alle besitzt und wundert sich, dass der Prasem dabei ist – eine grüne Quarzvarietät und auch, dass dieser zu Goethes Zeiten bekannt war. Ebenso ist im Märchen von den Metallen die Rede – Gold, Silber und Erz. Und vor allem das Licht scheint ein Leitmotiv zu sein – Irrlichter, leuchtende Schlange, die Sonne, der besondere Alte mit der Lampe, der Lichtstrahl, der durch die Kuppelöffnung im Felsengebäude fällt (der indsche Prinz weiß sofort, dass Goethe bei diesem Erzähl-Bild an das Pantheon in Rom gedacht hat), der Spiegel, den der Habicht hoch in die Lüfte trägt, um die Strahlen der noch verborgenen Sonne zu reflektieren und damit Schlafende zu wecken. Die schöne Lilie, den Jüngling, die Alte, den Mops (verwandelt in dunklen Onyx) und den Kanarienvogel (verwandelt in einen goldenen Topas) erwähnt der indische Prinz auch – aber den Ouroboros, den wird er nie vergessen und ist so froh, dass er ihn im Märchen erkannt hat. Denn die freundliche und hilfreiche, wohlthätige, Smaragd-leuchtende Schlange formt mit ihrem Körper den Kreis um den Körper des toten Jünglings – kein Anfang und kein Ende – und beschützt ihn, bis er wieder zum Leben erweckt wird.
Mit dem Gemmenring im Goethe Museum Düsseldorf am 30. Dezember 2025, Fotografie RW, bearbeitet zu Neujahr 2026
„Alle brauchen Märchen. Goethes ‚Märchen‘ heute“, Sonderausstellung im Goethe Museum
noch bis zum 1. März 2026
Weihnachten und Botschaften für das Neue Jahr
Zu Weihnachten bekommt der indische Prinz Besuch von der steinalten Sophia. Sie bringt gleich drei Freundinnen mit – Judith, Carlotta und Franka. Sie sitzen am heiligen Abend zusammen unter dem hohen Weihnachtsbaum, den sie gemeinsam geschmückt haben. Der indische Prinz besitzt alten Baumschmuck, geschliffene Kristalle, lange Ketten aus silbernen Perlen und Lametta, das er noch kurz vorher aufgebügelt hat. Fertig geschmückt glitzert der Baum im hellen Kerzenglanz. Die vier Frauen und der Prinz trinken Tee und essen Scones mit clotted cream und Erdbeermarmelade, wunderbar auf einer großen Etagere aufgebaut. Im Halbdunkel erzählen sie Geschichten aus dem Jahr, das nun zu Ende geht. Der indische Prinz holt seine Schmuckschatulle aus dem Tresor in der Bibliothek, wo auch seine kostbarsten Bücher lagern. Er möchte zu einem Ring, den er in diesem Jahr ersteigerte, eine Geschichte erzählen. Er zeigt den großen Ring hervor, es ist ein sogenannter Gemüsering. Wie in einem Garten wachsen dort zwischen goldenen Blättern und Ranken Diamantblüten und Perlenknospen. Zwei weiße Perlen und eine schwarze aus Onyx. Das sind wir fünf sagt der indische Prinz. Ich bin der Onyx, ein Verwandter des Achats, eine Quarzvarietät, meist dunkel gefärbt, traditionell schon mindestens seit dem 19. Jh.. Carlotta und Franka sind die Perlen, makellos und mit einem schönen Lüster, Franka etwas bläulich, die Carlotta cremefarben. Judith und Sophia sind die Diamanten, der große mit einem natürlichen Ausbruch an der Rondiste, das bist du Sophia. Und du Judith bist der kleinere, ohne Einschluss, beide Millionen Jahre alt. Gemeinsam schmücken wir den kleinen Garten und sind beieinander bis an unser Lebensende. Die Frauen wissen nicht, was sie von dieser Erzählung halten sollen. Sophia überlegt, was der indische Prinz mit dem Makel meint, wagt aber nicht zu fragen. Sie hat Angst, dass er in die Zukunft geschaut und irgendein Unheil für sie gesehen hat. Aber wie kann er das? Wahrscheinlich meint er mich als die Älteste in der Runde, so alt, da hat sich die ein oder andere Gebrechlichkeit schon eingestellt.
Judith gefällt der Ring sehr, sie darf ihn tragen während des ganzen Nachmittags und Abends. Er ist so groß, dass er das untere Fingerglied ihres Ringfingers übersteigt. Immer wieder wiegt sie ihre Hand hin und her, so dass die Brillanten aufblitzen.
Der Abend geht zu Ende, die fünf stimmen noch zum Abschied ein altes Christmas Carol an. Draußen ist es kalt und dunkel, aber Mantel, Handschuh und Schal wärmen. Die vier Frauen gehen ihrer Wege. Der indische Prinz räumt die feinen Teetassen in die Küche, als sein Telefon läutet. Es ist Judith, die zu Hause beim Abstreifen ihres Handschuhs bemerkt hat, dass sie den Gemüsering noch am Finger trägt. Es ist ihr hoch peinlich, kehrt zurück und will den Ring zurückgeben. Der indische Prinz aber sagt: Der Ring hat dich gewählt, es ist jetzt deiner.
Grünglasierte Keramik mit Gemüsering und Papierauge auf Muschelkalk. Sammlung RW, Fotografie RW, Weihnachten 2025
Ungeduld und Übertreibung
Die steinalte Sophia ärgert sich seit Ende November. Zum einen wegen der rasenden Zeit und zum anderen wegen der Ungeduld und Übertreibung. Die zwei ersten Kerzen auf ihren Adventskranz sind noch nicht mal um ein Fünftel abgebrannt. Und morgen soll sie schon die dritte anzünden. Die Zeit vor Weihnachten – wie lang war sie zu ihrer Kinderzeit. Dass alle Menschen um sie herum schon seit Wochen Weihnachten feiern, gefällt ihr nicht. In den erleuchteten Fenstern sieht sie beim Abendspaziergang fertig geschmückte Tannenbäume. In den Läden schon seit Oktober Süsskram und Lichterketten. Der Gipfel ist für sie eine rosafarbene Plastiktanne mit blinkenden Lichtern in einem billigen Deko-Laden. Im Fernsehen wird sie mit Berichten belästigt, die schrille Wettbewerbe um Weihnachtshäuser dokumentieren, die aus dem Fenster hängende Coca-Cola-Nikoläuse und Rentierschlitten auf den Dächern zeigen. Die Übertreibung kennt keine Grenzen mehr, dazu gesellt sich die Ungeduld. Das eigentliche Weihnachtsfest wird unendlich oft vorweggenommen. Man dekoriert auf Betriebsfeiern tausend Lichterketten und singt Lieder kreuz und quer. Der Höhepunkt ist, als sie hungrig in einer Wirtschaft sitzt und zum Hering Hausfrauenart ohrenbetäubend laut die Weihnachtsbäckerei aber auch Tochter Zion, freue dich von einem Entertainer am Keyboard serviert bekommt. Oder sie sieht in den Social Media einen jungen Mann, der eine Weihnachtsfeier um seine eigene Person veranstaltet. Er trägt dazu einen Kopfputz mit einem goldenen Thron und Engelsflügeln. Er lädt Freunde und Gleichgesinnte ein, an einer langen Tafel Platz zunehmen. Überall sind weißglitzernde Tannenbäume aufgestellt, man stößt mit Champagner an, die Kerzenleuchter flirren. Eine Opersängerin singt gegen das Gläserklirren an, Tränen fließen groß über geschminkte Gesichter. Nun singen alle mit und gehen ins Schunkeln über.
Der steinalten Sophia wird speiübel, aber auch weil sie sich erlaubt, dass diese Dinge ihren Kopf besetzen.
Was reg ich mich so auf, bin selbst schuld, was starre ich auch stundenlang in mein Smartphone.
Da begegnet ihr ein Bild, was sie nicht erwartet hat – sie ist angezogen von dem ihr vertrauten Geheimnis – die Legende des heiligen Hubertus ist ihr schon seit ihrer Jugend ans Herz gewachsen. Das Bild von Franz von Stuck kannte sie noch nicht.
Die Vision des heiligen Hubertus, Franz von Stuck, 1890, Villa Stuck München
Die verborgenen Zahlen
Zu diesem Ring erzählt der indische Prinz folgende Geschichte.
Ambrose – so wollen die Eltern ihren Sohn nennen. Für die junge englische Familie ist es der erste Sohn nach drei Töchtern. Sie sind katholischen Glaubens und nennen den Sohn nach einem der vier Kirchenväter – Augustinus, Gregor, Hieronymus und Ambrosius. Sie geben ihm noch zwei weitere Vornamen, Marian und Luke. Damit prophezeien seine Namen einen künstlerischen Weg – der heilige Lukas als Patron der Maler malte der Legende nach die Muttergottes. An die große Freude über die Geburt des Jungen erinnert der indische Prinz sich genau. Er spürt ein luftiges Frühlingsgefühl, er assoziiert die Farbe Himmelblau – dieses Glück, als der Junge ausgerechnet am Geburtstag der Mutter im März geboren wurde. Das Elternpaar nimmt es wie ein göttliches Arrangement. Sie beschließen eine neue Wohnung, ja ein kleines Häuschen am Rande von London zu mieten. Der Vater bekommt die Prokura in seiner Firma und kauft bei einer günstigen Gelegenheit einen Mercedes, ein luxuriöses Modell von 1952, noch mit Vorkriegskarosserie, so dass der reiche Nachbar argwöhnisch fragt, wie können Sie sich das denn leisten?
Bald darauf geht der Vater heimlich in ein Auktionshaus, um seiner Frau ein kostbares Geschenk zur Geburt des Sohnes zu machen. Im Versteigerungskatalog hat er einen historischen Ring gesehen mit einem großen Rubin, fast 6 ct schwer. Außerdem gefällt ihm ein Art Déco Ring in Weißgold, geschmückt mit Diamanten, die in einem sehr schönen Aufbau die Zahlen Zwei, Vier und Acht verbergen. Der Art Déco Ring mit der Nummer 58 soll am nächsten Tag schon morgens versteigert werden. Der alte Rubinring mit der Nummer 404 wird erst am Nachmittag gegen Drei versteigert. Wieder zu Hause überlegt sich der Vater – ich kann nur einen Ring kaufen. Mein Favorit ist der Rubinring. Also werde ich erst am Nachmittag zur Versteigerung gehen. Mit ein bisschen Luft. Also findet er sich um 14 Uhr im Auktionshaus ein, dort ist gerade Pause, er lässt sich die Bieternummer geben. Es ist die 56. Er nimmt Platz, bestellt sich eine Flasche Wasser, steht noch einmal auf, um einen Assistenten zu fragen, welche Nummer zuletzt versteigert wurde. Wir sind bei der Nummer 523, sagt dieser. Wie? Ich wollte doch für Posten 404 steigern! ruft der Vater. Das tut uns leid, manchmal geht alles ein bisschen schneller, sagt der Assistent. Der Rubinring ist für 800 DM versteigert worden! Und für wieviel die Nummer 58? fragt der Vater enttäuscht. Der Art Déco Ring ist nicht versteigert worden, liest der Assistent im Bericht vom Vormittag. Das ist ja ein Ding, ein Zeichen, dass dieser Ring eigentlich gemeint war, denkt der Vater, dann kann ich ihn ja jetzt im Nachverkauf erwerben. Er schenkt den Ring im gleichen Jahr seiner geliebten Frau zum Nikolaus. Die verborgenen Zahlen des Rings erfasst der indische Prinz sofort, als er viele Jahre später der Familie folgende Deutung vorschlägt: die Zwei für das Elternpaar, die Vier für die Anzahl der Kinder zur Zeit der Geburt des Sohnes und – die Acht für alle Familienmitglieder insgesamt, denn es sollten noch zwei weitere Töchter geboren werden.
Ambrose Marian Luke bleibt also der einzige Sohn der Familie. Er wird Künstler und Kunstwissenschaftler, hat am Royal College of Art und am Courtauld Institute of Art studiert und weiß alles über die Kirchenväter, die Lukasgilden und die Marienverehrung. Jedes Jahr lädt er seine fünf Schwestern in The Roseate Villa in Bath ein, um alte Erinnerungen der Familie zu wecken und gemeinsam auszutauschen.
Art Déco Ring auf glasierter Keramik mit Kiefernzweigen und Porzellanvase, Fotografie RW, 7.12.2025
Ein sehr persönlicher Ring
Wendelin Rottbänder will den Siegelring seines Großvaters verkaufen, weil er knapp bei Kasse ist. Der Großvater hieß Wolf Rottbänder. Groß prangen ein W und ein R in goldenen Buchstaben auf dem Kopf des Ringes. Sie wurden auf einen Onyx montiert mit winzigen Nädelchen, wie man auf der Rückseite sieht. Der Goldschmied hat in der Ringschiene ein EB hinterlassen. Sie ist aus Gelbgold nur mit 9 Karat legiert, während der Kopf rotgolden glänzt und wahrscheinlich höher legiert ist, was zu überprüfen wäre. Der Händler im Pfandhaus will Wendelin nur 230 Euro für den Ring geben. Das ist dem Wendelin zu wenig. Er behält den Ring. Diese Geschichte erzählt der indische Prinz zum wiederholten Mal. Er kennt Wendelin und will ihn fördern. Wendelin ist Künstler und fotografiert. Die neueste Fotografie kauft ihm der indische Prinz für 500 Euro ab. Das Motiv auf dem invertierten Foto zeigt die Hand des Künstlers mit dem Initialen-Ring in Indisch-Purpur-Rot, drohend zu einer Faust geballt. Wendelin Rottbänder bedankt sich bei dem indischen Prinzen – für’s Erste ist ihm geholfen.
Ring mit Initialen RW, invertierte Fotografie RW, 25. November 2025
Ein wunschvoller Garten
Der indische Prinz kennt einen englischen Horticulturisten, der lange in Katalonien gelebt und geforscht hat. Dieser lud ihn nun nach Barcelona in seinen großen Garten ein. Der Garten liegt an einem Hang, mitten darin das mächtige Haus des Besitzers mit mehreren Terrassen, die gestaffelt verschiedene Blicke bieten, auch bis zum Meer. Dattelpalme, Waldkiefer, Mastixbaum, Lorbeerbaum, Steineiche, Olivenbaum und viele andere Arten finden sich meisterhaft gruppiert im Garten. Im Frühling blühen Mandel, Pfirsich und Kirsche im Obstgarten des Hauses. Ab Mai bis in den Sommer kann man die Früchte direkt vom Baum pflücken, auch Orangen, Zitronen, Trauben, Feigen und Granatäpfel werden geerntet. Im Herbst färben sich die Blätter der Laubbäume, orchestriert von Gelb über Orange bis Rot und Braun.
Das Besondere aber ist ein Aufzug im Hangwald, der bis tief in den Berg geht. Dort drinnen herrscht auch zu Zeiten der Mittagshitze eine Temperatur um Null Grad. Zusätzliche Klimaanlagen bringen das Wasser eines unterirdischen Springbrunnens, der fein stäubt und rieselt, zum Gefrieren, so dass große Sternschneeflocken durch die Luft wirbeln. Moose und Flechten im Keller bedecken sie mit einer weißen Decke. Künstliches Winterlicht und große Nadelbäume sorgen zusätzlich für einen überraschend natürlichen Eindruck. Der Horticulturist sehnt sich so sehr nach dem englischen Winter, besonders zur Vorweihnachtszeit, dass er keine Kosten und Mühen gescheut hat, alle Raffinessen einbauen zu lassen. Der Vernunft wegen sieht er im Eiskonzept aber vor, nur in den Monaten November, Dezember und Januar das Schneefallen zu erlauben und auch nur wenn Besucher den Keller betreten. Kaum ist man mit dem Aufzug wieder im sonnenbeschienenen Hanggarten, schmilzt unten der Schnee und der Springbrunnen ist still. Auf Nachfrage des indischen Prinzen gibt der Horticulturist zu, die Idee zum Winterkeller abgeschaut zu haben von einem alten persischen Märchen, das von einem Garten erzählt, in dem alle Jahreszeiten gleichzeitig erlebbar werden. Der indische Prinz will dem Gartenfreund nun als Dank für den Aufenthalt in Barcelona eine kleine Schatulle mit Edelsteinen schenken, die genau nach den jahreszeitlichen Farben im Kästchen geordnet sind. Bergkristall, Jade,Verdelith, Rosenquarz, Pyrop, Padparadscha, Citrin, Goldberyll, Saphir und Diamant.
Im Park Güell, Fotografie RW 2010, diese Erzählung ist eine Antwort auf die schöne Geschichte «Der Garten der vier Jahreszeiten» von Carl Friedrich Schroer, November 2025
Der Ring des Blenders

Den Ring mit dem großen Brillant im Altschliff hat der indische Prinz dem Besitzer des Restaurants Aile Sofrasi im Ruhrgebiet abgekauft. Dieser will ihn loswerden, nicht weil er etwa Geldsorgen hätte, sondern weil er ihn von einem ungeliebten Onkel aus Ankara geerbt hat. Der Ring trägt einen großen Diamanten, der etwas unrund geschliffen wurde und deutliche Einschlüsse, sogar Schlieren direkt sichtbar unter der großen Tafel, vorweist. Wenn man mit der 10-fach Lupe schaut, erkennt man eine gesprenkelte Milchstraße, ganz leicht auch bräunlich gefärbt. Der Stein wiegt 2,82 ct, was auch in der Ringschiene graviert ist. Die Ringgröße ist beim Kauf bei 69, also sehr groß. Der Restaurantbesitzer zeigt eine Fotografie des ungeliebten Onkels mit üppigem Schnurrbart, einen roten Hut tragend, sehr groß von Statur mit vorgewölbtem Bauch. Hat er nicht den Ring am kleinen Finger? Nach dem Kauf will der indische Prinz eine Art Ritus vollziehen, um die Erinnerung an den Vorbesitzer zu bereinigen. Er taucht den Ring ganz kurz in den Rhein, danach in ein Glas roten Wein und nimmt einen großen Schluck. Auch lässt er ihn auf die Größe 60 verkleinern, so dass er an seine schmalen Hände passt.
Hat der Diamant auch genügend Feuer? Zunächst ist der indische Prinz zufrieden, die Größe des Steins ist das Anziehendste gewesen. Aber später will er mehr vom Ring, hat er doch ordentlich Geld bezahlt. Der Stein aber will und will nicht glitzern und brillieren. Er hält ihn ins Sonnenlicht, ins Kunstlicht… der Stein zeigt sich stets von blassem Charakter. Aber dann – auf einer Zugfahrt nach Wien – nur das Nachtlicht im Abteil leuchtet, funkelt der Stein auf berauschende Weise wie ein Versprechen, ein sich erfüllender Wunsch, eine Weissagung.






