Die steinalte Sophia ärgert sich seit Ende November. Zum einen wegen der rasenden Zeit und zum anderen wegen der Ungeduld und Übertreibung. Die zwei ersten Kerzen auf ihren Adventskranz sind noch nicht mal um ein Fünftel abgebrannt. Und morgen soll sie schon die dritte anzünden. Die Zeit vor Weihnachten – wie lang war sie zu ihrer Kinderzeit. Dass alle Menschen um sie herum schon seit Wochen Weihnachten feiern, gefällt ihr nicht. In den erleuchteten Fenstern sieht sie beim Abendspaziergang fertig geschmückte Tannenbäume. In den Läden schon seit Oktober Süsskram und Lichterketten. Der Gipfel ist für sie eine rosafarbene Plastiktanne mit blinkenden Lichtern in einem billigen Deko-Laden. Im Fernsehen wird sie mit Berichten belästigt, die schrille Wettbewerbe um Weihnachtshäuser dokumentieren, die aus dem Fenster hängende Coca-Cola-Nikoläuse und Rentierschlitten auf den Dächern zeigen. Die Übertreibung kennt keine Grenzen mehr, dazu gesellt sich die Ungeduld. Das eigentliche Weihnachtsfest wird unendlich oft vorweggenommen. Man dekoriert auf Betriebsfeiern tausend Lichterketten und singt Lieder kreuz und quer. Der Höhepunkt ist, als sie hungrig in einer Wirtschaft sitzt und zum Hering Hausfrauenart ohrenbetäubend laut die Weihnachtsbäckerei aber auch Tochter Zion, freue dich von einem Entertainer am Keyboard serviert bekommt. Oder sie sieht in den Social Media einen jungen Mann, der eine Weihnachtsfeier um seine eigene Person veranstaltet. Er trägt dazu einen Kopfputz mit einem goldenen Thron und Engelsflügeln. Er lädt Freunde und Gleichgesinnte ein, an einer langen Tafel Platz zunehmen. Überall sind weißglitzernde Tannenbäume aufgestellt, man stößt mit Champagner an, die Kerzenleuchter flirren. Eine Opersängerin singt gegen das Gläserklirren an, Tränen fließen groß über geschminkte Gesichter. Nun singen alle mit und gehen ins Schunkeln über.
Der steinalten Sophia wird speiübel, aber auch weil sie sich erlaubt, dass diese Dinge ihren Kopf besetzen.
Was reg ich mich so auf, bin selbst schuld, was starre ich auch stundenlang in mein Smartphone.
Da begegnet ihr ein Bild, was sie nicht erwartet hat – sie ist angezogen von dem ihr vertrauten Geheimnis – die Legende des heiligen Hubertus ist ihr schon seit ihrer Jugend ans Herz gewachsen. Das Bild von Franz von Stuck kannte sie noch nicht.
