
Wie schön sind die roten Lederschuhe der Käthe-Kruse-Puppe, meine Schwester nannte sie Gisela. Hat unsere Mutter ihr Kleidchen genäht, vielleicht den Mantel auch? Die Söckchen sind wohl verloren gegangen. Die kostbaren Puppen haben uns in der Kindheit begleitet, seit dem wir vier und fünf Jahre alt waren. Wir bekamen sie von einem Geschäftsfreund des Vaters geschenkt. Zunächst wurden sie auf den Schrank gestellt und ganz selten durften wir mit ihnen spielen. Einige wurden von der Schwester aufbewahrt und bei unserem Besuch im Jahr 2021 zeigte sie uns Puppen und Stofftiere. Meine Puppe hieß Claudia und die der jüngeren Schwester Hans. Hans kam aber erst viel später dazu, als wir schon in ein kleines Häuschen umgezogen waren und der Bruder geboren wurde. Meine Puppe existiert nur noch als Kopf mit Schildkrötleib und kann nicht mehr stehen. Ich hatte ihr auch die Augenbrauen und den Mund nachgemalt, die Haare verschnitten.
Wenn ich abends zu Bett gehe, habe ich das Gefühl, als wäre der Tag, obwohl angehäuft mit Ereignissen, wie jeder andere gewesen. Die Tage, die Abende vergehen, ihr Wechsel wird immer schneller. Jede Nacht ruft der Eulenvogel ein regelmäßiges huh und huh, worüber ich mich freue, wenn ich im Dunkeln liege. Es ist eine Verlässlichkeit im Ablauf der Ereignisse, erschreckend und tröstlich zugleich. Jetzt knospen die Bäume wieder und es ist schon hell, wenn ich morgens das Bett verlasse. Eben sah ich eine riesige Pollenwolke vom blühenden, alten Walnussbaum abheben. Zwei Tauben sitzen auf seinen Ästen in der Sonne. Was soll ich nur mit den vielen gespeicherten Bildern machen?