Der Ring des Blenders


Den Ring mit dem großen Brillant im Altschliff hat der indische Prinz dem Besitzer des Restaurants Aile Sofrasi im Ruhrgebiet abgekauft. Dieser will ihn loswerden, nicht weil er etwa Geldsorgen hätte, sondern weil er ihn von einem ungeliebten Onkel aus Ankara geerbt hat. Der Ring trägt einen großen Diamanten, der etwas unrund geschliffen wurde und deutliche Einschlüsse, sogar Schlieren direkt sichtbar unter der großen Tafel, vorweist. Wenn man mit der 10-fach Lupe schaut, erkennt man eine gesprenkelte Milchstraße, ganz leicht auch bräunlich gefärbt. Der Stein wiegt 2,82 ct, was auch in der Ringschiene graviert ist. Die Ringgröße ist beim Kauf bei 69, also sehr groß. Der Restaurantbesitzer zeigt eine Fotografie des ungeliebten Onkels mit üppigem Schnurrbart, einen roten Hut tragend, sehr groß von Statur mit vorgewölbtem Bauch. Hat er nicht den Ring am kleinen Finger? Nach dem Kauf will der indische Prinz eine Art Ritus vollziehen, um die Erinnerung an den Vorbesitzer zu bereinigen. Er taucht den Ring ganz kurz in den Rhein, danach in ein Glas roten Wein und nimmt einen großen Schluck. Auch lässt er ihn auf die Größe 60 verkleinern, so dass er an seine schmalen Hände passt.
Hat der Diamant auch genügend Feuer? Zunächst ist der indische Prinz zufrieden, die Größe des Steins ist das Anziehendste gewesen. Aber später will er mehr vom Ring, hat er doch ordentlich Geld bezahlt. Der Stein aber will und will nicht glitzern und brillieren. Er hält ihn ins Sonnenlicht, ins Kunstlicht… der Stein zeigt sich stets von blassem Charakter. Aber dann – auf einer Zugfahrt nach Wien – nur das Nachtlicht im Abteil leuchtet, funkelt der Stein auf berauschende Weise wie ein Versprechen, ein sich erfüllender Wunsch, eine Weissagung.

Goldring mit großem Brillant unter Papiercollage, Fotografie RW 8. November 2025