Die steinalte Sophia hat sich vorgenommen, die Tage mit Ereignissen anzufüllen. Heute freut sie sich, sie ist mit dem Auto in die frühere Heimat gefahren, nicht über die Autobahn, sondern über die alte Landstraße, die beide Städte verbindet – ihren heutigen Wohnort und die Gegend ihrer Jugend. Mitten in der inzwischen verkommenen Stadt, in der Nähe des Bahnhofs, aber auch nicht unweit vom Museum, findet sie das Pfandleihhaus, dessen Adresse sie vorher im Web recherchiert hat. Sie betritt es durch die offene Tür, hört wie Geld gezählt wird – 1000, 1100, 1200… Eine Dame tritt an den Schalter und die steinalte Sophia trägt ihr Anliegen vor: Ich suche einen 4fach-Dukaten in 986er Goldlegierung, Durchmesser 39,50 mm, Gewicht 13,96 g, mit der Jahreszahl 1915 und Kaiser Franz Joseph recto und verso der Doppeladler. Die Dame verschwindet und kommt mit einem Exemplar wieder, das allerdings mit einem goldenen Rahmen und einer Anhängeröse versehen ist. So kann ich ihn sogar an einem Band tragen, freut sich Sophia und zeigt der Angestellten ihren Ring mit dem einfachen Dukaten, den sie am Finger trägt. Sie handelt den Verkaufspreis für den großen Dukaten noch ein wenig herunter, lässt sich Expertise und Rechnung aushändigen und geht am Park vorbei zurück zu ihrem Auto. Am Museum leuchten und laufen überlebensgroß die Projektionen mit den Runners von Julian Opie, ein seltsamer Kontrast zu den Typen, die im Park auf den Bänken sitzen und den Passanten, die zur Bushaltestelle eilen. Die steinalte Sophia schaut zum Himmel, wo zwischen schweren Regenwolken blaue Himmelspartien und Sonnenstrahlen hervorblitzen. Sie beschließt zurückzufahren in die reichere Stadt, aber wieder auf der alten Landstraße. Sie sieht die stillgelegten Straßenbahnschienen, erinnert sich, wie sie als 16jährige zur Tanzstunde fuhr. Sie sieht die wenigen schöneren Häuser, von denen es immer geheißen hat, es seien Fabrikantenvillen der Stahlindustrie. Sie sieht das Gebäude der Bowlingbahn, in das sie zum Kindergeburtstag eingeladen war. Sie denkt dankbar an ihren Vater, dankbar eine Kindheit erlebt zu haben – mit unerfüllten Sehnsüchten voller Hoffnung auf Kommendes.
Zurück in ihrer Wohnung setzt sie sich ans Rheinfenster und betrachtet den 4fach-Dukaten im Restlicht des Abendrots. Verheißungsvoll schimmert er es im Dunkeln zurück.
