Der Schuldige

Von dem Knoten-Ring erzählt der indische Prinz folgende Geschichte. Demjenigen, der ihn 1971 in Mailand erwirbt, wird kurz nach dem Kauf, sogar am gleichen Tag in einer Osteria die Brieftasche gestohlen. Er bittet die goldene Madonnina auf dem Duomo um Hilfe, es nützt rein gar nichts, weder die Polizei noch das Konsulat kann ihm helfen. Also eilt er zurück in die Galleria Vittorio Emanuele II zum Schmuckladen und will die Summe, die er für den Ring gab, wiederhaben. Der Juwelier aber bietet ihm nur die Hälfte des bezahlten Geldes. Darauf will sich der Ringkäufer nicht einlassen. Eine Dame, die sich eine kleine antike Taschenuhr in Herzform, über und über mit Diamanten besetzt, ansieht, hört das wenig freundliche Gespräch unfreiwillig mit. Da mischt sie sich ein. Verehrter Herr, wollen Sie mir nicht diesen schönen Ring verkaufen, ich zahle Ihnen auch den gesamten Kaufpreis. Schon immer wollte ich einen Ring mit einem Lover’s Knot besitzen! In England, meinem Heimatland, ist dies ein seit Jahrhunderten beliebtes Schmuckmotiv. Auch in der antiken Welt gibt es den Liebesknoten als Ring oder als Brosche. Etwas verlegen entgegnet der Ringkäufer, nun, ich bräuchte das Geld allerdings in bar, da man mich bestohlen hat. Das ist kein Problem, entgegnet die Dame, lassen Sie uns den Laden verlassen und in einem Café das Geschäft machen.
Der Herr wird sich schnell einig mit der Dame. Diese eilt davon und ward nicht mehr gesehen. Nicht einmal ihren Namen gab sie preis. Der indische Prinz war selbst einst der Ringkäufer und Bestohlene, was er jetzt gerne zugibt. Noch heute ist er versucht, alle unglücklichen Ereignisse, alles Böse und alle Krankheiten , die ihn treffen, dem goldenen Ring zuzuschieben. Wie er vermessen glänzt und sich mit seinen verschlungenen, dicken Bändern hoch über dem Finger seines Trägers aufbaut!

Goldener Knotenring mit italienischer Punze auf Keramikkopf und Keramiksockel mit Goldnuggets und kleiner Taschenuhr, Sammlung RW, Fotografie RW, 30. Januar 2026