

Zu fünft haben wir alles gewogen. Den Durchmesser der Steine erfasst. Sorgfältig haben wir notiert, wie der gestiegene Goldpreis sich auf jedes Schmuckstück auswirkt. Wir betrachten Ringe, Armbänder und Ketten aus dem Erbe. Der indische Prinz hat einen goldenen Ring mit hoher Legierung ins Spiel gebracht. Er hat ihn von einem unbekannten Großonkel aus Mumbay. Er soll aus den 1960er Jahren stammen, obwohl der indische Prinz in ihm die traditionelle orientalische Ringform sieht, die über Jahrhunderte schon in seinem Heimatland existiert und bei Hochzeiten getragen wird. Die Zahl 800 ist außen auf der breiten Schiene punziert und die Buchstaben AW. Der indische Prinz sagt zur steinalten Sophia: Ein AllerWertester Freund soll der Ring mir sein. Drei Rubine, zwei Opale, zwei Turmaline und ein Saphir gruppieren sich um einen großen Diamanten. Dieser hat eine Scharte unter einer Krappe, er ist leider beschädigt. Trotzdem leuchtet er in der Mitte, ein Anderthalbkaräter von schönem Weiß und siehst du, wie er im Sonnenlicht funkelt? Ich weiß, dass der Onkel ihn aus einem Nachlass geschenkt bekam. Woher kommt er ursprünglich, wer hat ihn in Auftrag gegeben, war es ein Kaufmann aus Jaipur, oder ein Gelehrter aus Kolkata? Die goldene Ringschiene ist ein so schöner Blattträger, ein goldener Bogen, auf dem alle Steine Indiens versammelt sind, um den Diamanten wie in einer Krone zu tragen. Sophia meint: Oder anders – sie drehen sich wie die acht Planeten um ihn als Sonne. Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun und der Sonnen-Diamant ist mit acht Krappen gefasst.
Eine Freundin von Sophia mochte das Schwärmen um den Ring nicht. Der Gedanke, wie viele Menschen ihn schon getragen haben könnten, in welchen Situationen und bei welchen Ereignissen, ekelte sie geradezu. Sie dachte an die Briten, die als Kolonialmacht seit dem 18. Jahrhundert mit den Edelsteinvorkommen Indiens handelten. Die größten indischen Diamanten und Edelsteine zieren bis heute britische Kronen und Diademe. Eine andere Freudin aber behauptet: Der Ring hat rein gar nichts mit Indien zu tun, selbst wenn er einst dort verschenkt wurde. Dafür spricht die Punzierung 800 – im Ausland muss stattdessen 20 oder 22 Karat auf der Schiene stehen. Und AW ist das Kürzel von Albert Weißhaupt, einem bekannten Goldschmied aus Idar-Oberstein. Die Kordelverzierungen und auch die breite Schiene zeugen deutlich von einem Entwurf aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Wahrscheinlich hat man einen großen, antiken Diamanten, der beim Ausfassen aus altem Zusammenhang beschädigt wurde in diesem Ring verbaut und das in der Wirtschaftwunderzeit, in der das Protzen wieder erlaubt war. Das einzig Seltsame ist aber, dass die Punzierung außen auf der Ringschiene sitzt.