Werde ich in meinem Leben noch auf den Monte Pellegrino steigen können, um das Heiligtum der Santa Rosalia aufzusuchen? Auf Sizilien war ich schon, allerdings nur ein Mal in den späten 70er Jahren. Da bin ich an der Meerenge bei Reggio Calabria nach Messina übergesetzt, hab kurz am Capo di Milazzo gebadet und bin weitergefahren bis Siracusa, immerhin. Dort habe ich die Fonte Aretusa mit den echten Papyrusstauden gesehen, am Dom Santa Maria delle Colonne die Spolien des Athene-Tempels entdeckt und den Caravaggio in der Santa Lucia al Sepolcro gesehen. In Siracusa war mir bewusst, dass ich südlich der afrikanische Küstenlinie war.
Goethe kam nicht bis Siracusa. Aber er war von Neapel aus nach Palermo gesegelt und bestieg dort mit dem Zeichner Kniep den Monte Pellegrino, auch um das Santuario di Santa Rosalia zu besuchen. In eine Felsenhöhle des Berges ist eine Kapelle eingebaut. Betritt man sie, entdeckt man unter einem Baldachin den gläsernen Schrein. Darin liegt die Gestalt der Heiligen von dem Bildhauer Gregorio Tedesco in weißem Marmor geschaffen. Um 1625 hatte man in der Höhle ihre unversehrte Leiche gefunden. Als die sterblichen Überreste nach Palermo gebracht wurden, waren alle Kranken wie durch ein Wunder von der Pest geheilt. Zum Dank errichtete man ihr das Heiligtum. Die Figur der Rosalia stützt ihren Kopf mit der Hand, als würde sie ruhen, Augen und Mund sind allerdings geöffnet, der extatische Blick erinnert mich an die Verzückung der heiligen Theresa in Rom.
Goethe musste sich niederknien, um im Dämmerlicht die Rosalia zu betrachten.
Ein schönes Frauenzimmer erblickt‘ ich bei dem Schein einiger stillen Lampen. Sie lag wie in einer Art von Entzückung, die Augen halb geschlossen, den Kopf nachlässig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen Ringen geschmückt war. Ich konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien mir ganz besondere Reize zu haben. Ihr Gewand ist aus einem vergoldeten Blech getrieben, welches einen reich von Gold gewirkten Stoff gar gut nachahmt. Kopf und Hände, von weißem Marmor, sind, ich darf nicht sagen in einem hohen Stil, aber doch so natürlich und gefällig gearbeitet, dass man glaubt, sie müsste Atem holen und sich bewegen. Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem Lilienstengel Kühlung zuzuwehen.
Goethe beschreibt auch das Wasser, was in der Höhle stetig von den Wänden tropft. Man versucht es in vielen provisorischen Leitungen aufzufangen. Typisch für das Karstgestein sind die vielen Spalten und Grotten. In nahe gelegenen Höhlen fand man frühe Siedlungsspuren aus dem Jungpaläolithikum. Auf den Monte Pellegrino möchte ich daher schon allein wegen der zu findenden Fossilien und Artefakte. Fossile Meeresschnecken und Muscheln, passend für den Pilgerberg zum Beispiel Pecten, die Pilgermuschel.
Der heiligen Rosalia hab ich ein kleines, gläsernes Schreinchen gewidmet – mit einer blonden Haarlocke darin, die man mir im Alter von zwei Jahren abschnitt und all die Jahrzehnte verwahrte. Auf das Kästchen setzte ich einen Rhodochrosit und einen geschliffenen Rosenquarz, alles zu ihrem Gedenken.