Weihnachten und Botschaften für das Neue Jahr

Zu Weihnachten bekommt der indische Prinz Besuch von der steinalten Sophia. Sie bringt gleich drei Freundinnen mit – Judith, Carlotta und Franka. Sie sitzen am heiligen Abend zusammen unter dem hohen Weihnachtsbaum, den sie gemeinsam geschmückt haben. Der indische Prinz besitzt alten Baumschmuck, geschliffene Kristalle, lange Ketten aus silbernen Perlen und Lametta, das er noch kurz vorher aufgebügelt hat. Fertig geschmückt glitzert der Baum im hellen Kerzenglanz. Die vier Frauen und der Prinz trinken Tee und essen Scones mit clotted cream und Erdbeermarmelade, wunderbar auf einer großen Etagere aufgebaut. Im Halbdunkel erzählen sie Geschichten aus dem Jahr, das nun zu Ende geht. Der indische Prinz holt seine Schmuckschatulle aus dem Tresor in der Bibliothek, wo auch seine kostbarsten Bücher lagern. Er möchte zu einem Ring, den er in diesem Jahr ersteigerte, eine Geschichte erzählen. Er zeigt den großen Ring hervor, es ist ein sogenannter Gemüsering. Wie in einem  Garten wachsen dort zwischen goldenen Blättern und Ranken Diamantblüten und Perlenknospen. Zwei weiße Perlen und eine schwarze aus Onyx. Das sind wir fünf sagt der indische Prinz. Ich bin der Onyx, ein Verwandter des Achats, eine Quarzvarietät, meist dunkel gefärbt, traditionell schon mindestens seit dem 19. Jh.. Carlotta und Franka sind die Perlen, makellos und mit einem schönen Lüster, Franka etwas bläulich, die Carlotta cremefarben. Judith und Sophia sind die Diamanten, der große mit einem natürlichen Ausbruch an der Rondiste, das bist du Sophia. Und du Judith bist der kleinere, ohne Einschluss, beide Millionen Jahre alt. Gemeinsam schmücken wir den kleinen Garten und sind beieinander bis an unser Lebensende. Die Frauen wissen nicht, was sie von dieser Erzählung halten sollen. Sophia überlegt, was der indische Prinz mit dem Makel meint, wagt aber nicht zu fragen. Sie hat Angst, dass er in die Zukunft geschaut und irgendein Unheil für sie gesehen hat. Aber wie kann er das? Wahrscheinlich meint er mich als die Älteste in der Runde, so alt, da hat sich die ein oder andere Gebrechlichkeit schon eingestellt. 
Judith gefällt der Ring sehr, sie darf ihn tragen während des ganzen Nachmittags und Abends. Er ist so groß, dass er das untere Fingerglied ihres Ringfingers übersteigt. Immer wieder wiegt sie ihre Hand hin und her, so dass die Brillanten aufblitzen.
Der Abend geht zu Ende, die fünf stimmen noch zum Abschied ein altes Christmas Carol an. Draußen ist es kalt und dunkel, aber Mantel, Handschuh und Schal wärmen. Die vier Frauen gehen ihrer Wege. Der indische Prinz räumt die feinen Teetassen in die Küche, als sein Telefon läutet. Es ist Judith, die zu Hause beim Abstreifen ihres Handschuhs bemerkt hat, dass sie den Gemüsering noch am Finger trägt. Es ist ihr hoch peinlich, kehrt zurück und will den Ring zurückgeben. Der indische Prinz aber sagt: Der Ring hat dich gewählt, es ist jetzt deiner.

Grünglasierte Keramik mit Gemüsering und Papierauge auf Muschelkalk. Sammlung RW, Fotografie RW, Weihnachten 2025