Einen Stein habe ich mir gesichert aus dem alten Haus Dorgarten. Es ist ein Kalksinter, vielleicht ein Travertin aus Tivoli, den ich von Bauwerken in Rom kenne, seine Herkunft werde ich noch genauer erforschen. Ein Calciumcarbonat, das aus Süßwasserquellen als Quellkalk ausgefällt wird. Ein recht junges Sediment-Gestein aus dem Quartär, also höchstens 2,6 Millionen Jahre alt. Oft bilden sich bei der Ausfällung Pflanzenstrukturen ab. So haben wir als Kinder die Steine auf der unteren Terrasse in Haus Dorgarten nicht nur betrachtet, sondern auch mit unseren Händen befühlt und gespürt, dass manche kühl, andere eher warm waren. Den Travertin nannten wir versteinertes Stroh und hatten damit gar nicht so unrecht. Viele Halme sind an der Oberfläche meines Steines zu sehen. Der Stein war, als wir im Winter 1958 mit der fast achtköpfigen Familie (das sechste Geschwisterchen war unterwegs) in das große Haus zogen, hell, frisch und graugelblich. In den Wänden der Terrasse verbaut mit anderen wunderbaren Steinen, allesamt als quergelagerte längliche Quader in schöner Abwechslung. Ich erinnere mich an rote und grüne Sandsteine, fossilienreiche graue Kalke, sehr weiße Kreidesteine, aber auch an dunkelgrauen Balsalt. Als wir in diesem Frühling uns alle sechs trafen, kamen wir auch an dem lange verlassenen, großen Haus vorbei und sahen, dass dort jemand auf der oberen Terrasse herumging. Es war der Abrissunternehmer, der uns zum letzten Mal ins Haus ließ – und wir baten ihn, uns einige Steine zu retten. Erzählten ihm, dass ein Steinmetz das Haus hatte bauen lassen – eine Schwester behauptete, das sei in den 20er, 30er Jahren gewesen. Wir wissen es nicht, das Internet gibt nichts preis. Hatte unser Vater nicht erzählt, dass die ehemaligen Bewohner des Hauses in den 60er Jahren einmal am Gartenzaun standen und sehen wollten, wer denn die neuen Bewohner seien? Nun, als wir zwei lange Quader Travertin vor dem Zermahlen gerettet hatten, brachten wir sie zu einem Steinmetz und ließen sie in sechs Schnittlinge sägen. Die Oberfläche der Steine war voller Hochofenruss und Industriestaub schmutzig und dunkel geworden. Wie oft war der Himmel im Westen hinter dem Haus zum Hütten-Abstich rot aufgeflammt und der Russ lag im Herbst auf den reifen Früchten der Pflaumen- und Apfelbäume des großen Gartens… Der Steinmetz hat den Stein nicht nur geschnitten, sondern auch gereinigt, so dass nun die hellen Farben wieder zum Vorschein kommen. Ich setze heute sechs meiner neuen grünglasierten Keramiken auf den alten Stein und lasse sie im Chor etwas singen.