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Ein Fenster im zweiten Stock des Goethe Museums zu Düsseldorf ist vor der Lesung von Hanns Joseph Ortheil geöffnet. Als ich den großen Raum mit der Porzellansammlung, wo man Stuhlreihen aufgestellt hat, betrete, zieht mich das Fenster mit der unbekannten Perspektive sofort an und ich halte es fest mit einem Foto. Am späten Nachmittag scheint die Sonne direkt aus Richtung Südwest hinein. Draußen flanieren Paare auf der Seufzer-Allee im nahen Hofgarten, das intensive Maigrün der Lindenbäume möchte nach draußen zum Spaziergang locken. Genau mit diesem Anreiz beginnt Ortheil seine Lesung, warum man denn nicht draußen sei im Grünen, das hätte man sich nun selbst eingebrockt, dasss man hier sitze und ihm zuhören müsse. Er liest aus seinem Buch «Nach allen Regel der Kunst – Schreiben lernen und lehren». Was ich mir für mich allein während der Lesung merke: zur Arbeit am Text – sprich nicht mit einem Geschmacksurteil darüber, das hast du jetzt aber schön oder besonders innig gesagt, eine gute Atmosphäre beschrieben – sondern befrage unmittelbar die Gestalt des Textes, wie könnte das Geschriebene noch anders lauten, welche Worte kann ich ändern, Satzteile umstellen. Mal sehen, was passiert, wenn ich ein und dasselbe Motiv mehrmals niederschreibe.
Das Bild vom Fenster, an dem Goethe in Rom steht, gezeichnet von seinem Künstler-Nachbar Tischbein, ist ein intensiver Anreger. Goethe blickt hinunter auf den Corso. Draußen findet das Leben statt. Wir sehen es nicht. Er sieht es und wird darüber schreiben. Als Rückenfigur schlank und lässig, steht er im Kontrapost, stützt sich auf. Den Kopf leicht nach links gewandt, schaut er nach unten. Dieses Beobachten, das Schauen ist das Größte – Ortheil nimmt diese wunderbare Zeichnung in sein Buch auf und bietet sie uns im Goethe Museum als ein Juwel – der Blick aus dem Fenster – was kann da alles noch erscheinen, was mag kommen. Ortheil ist dies seit Kindertagen nah. Er beschreibt oft, wie er als kleiner stummer Junge, stundenlang am Fenster stand in der Kölner Wohnung aus Kindheitstagen. Allein ist er – draußen spielen Kinder, gehen Leute einkaufen, fahren zur Arbeit. Ich kenne das Fenstergefühl sehr gut. In meiner Jugend stand ich mit meinen Geschwistern so oft am Südfenster des großen Hauses an der Landstraße. Wir warteten angstvoll auf die Rückkehr des Vaters oder schauten voller Verlangen die Straße entlang, was sich in der großen Ferne wohl alles noch ereignen mag.
Fensterblick, Goethe Museum Düsseldorf, Fotografie RW, 9. Mai 2025
Johann Wolfgang von Goethe am Fenster in Rom, Aquarellzeichnung des deutschen Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein aus dem Jahr 1786/7, Frankfurt
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