Befragung der Ausstellungsmacher

Ruth Weber / Louis Blank

Die Befragung der Ausstellungsmacher nach den sieben Tugenden und Lastern wurde von THE FAKE’S PROGRESS in den 90er Jahren entwickelt und etwa von 1993 bis 1998 in den Malkastenblättern veröffentlicht, der Publikation des Künstlervereins Malkasten Düsseldorf. Der folgende Text galt als Anregung für die Antworten der Kuratoren, Galeristen und Museumsleute. Befragt wurden Roswitha Fricke, Udo Kittelmann, Veit Loers, Raimund Stecker, Thomas Taubert, Guido de Werd, Stephan von Wiese.

SIEBEN TUGENDEN und LASTER
ALS ANREGUNG FÜR SIEBEN ARGUMENTATIONEN

FIDES GlaubeSUPERBIA Hochmut

Den Glauben an die eigentliche Kunst gibt es nicht mehr. Entweder ist sie ein Seitenaspekt des Sponsoring geworden (Sie kann gar beim Private Public Partnership zum bloßen Vehikel für Grundstücksspekulationen der Konzerne und der Eitelkeiten von Sammlern/Architekten mutieren), oder sie hebt sich in letzter Konsequenz der »Kunst gleich Leben« Idee selber auf und nimmt den Kontext wichtiger als sich selbst.

SPES HoffnungAVARITIA Geiz

Neuartige Ausstellungsprojekte, die das System der Kunst selbst befragen wollen, zeigen gerade, daß es die vielbeschworene Krise der Kunst nicht gibt, übersehen dabei aber, daß sie sich in ihren eigenen Inszenierungen erschöpfen, dabei die ästhetischen Qualitäten aufs Sträflichste vernachlässigen.

CARITAS LiebeLUXURIA Wollust

Ohne Liebe geht in der Kunst gar nichts. Der liebende Blick auf hervorragende Gestalten in der Kunst(geschichte) und die Vorlieben (oder gar sexuellen Anreize) als Auswahlkriterium für eine Ausstellung oder Förderung. (Konrad Fischer, Galerist: »Ohne den Künstler zu kennen und ohne ihn sympathisch zu finden, stelle ich ihn erst gar nicht aus… Mit der Kunst hat das nicht immer etwas zu tun. Wenn man nicht gut miteinander auskommt, dann braucht man es auch gar nicht miteinander auszuprobieren.«)

FORTITUDO StärkeIRA Zorn

Außerkünstlerische Zwänge (Besucherquoten, Finanzen, Abhängigkeit vom Sponsor, Sammler…) lassen vom ursprünglichen Konzept des Ausstellungsmachers nicht mehr viel übrig.

JUSTITIA GerechtigkeitINVIDIA Neid

Zwei Künstlerpositionen: Der Raffineur (geschickter Marktbeobachter mit hohem Management- und Medienanteil), der Verweigerer, der seinen Elfenbeinturm immer wieder renoviert. Wie wird man beiden gerecht?

TEMPERANTIA MäßigungGULA Völlerei

Die Kuratoren, Ausstellungsmacher sind die eigentlichen Künstler (Hans-Ulrich Obrist als würdiges Beispiel). Muß man dieser jüngsten Tendenz nicht die Zügel anlegen? Die Opulenz der modischen Einfälle für Ausstellungsprojekte verdeckt die Magerkeit des Inhalts.

PRUDENTIA KlugheitACCEDIA Trägheit (des Geistes)

Innovationsgier, Neophilie und Sensationszwang, eigentlich Eigenheiten der Massenmedien haben die Kunst längst erreicht. Ist sie nicht dadurch der Verflachung ausgesetzt? Sollte man sie nicht wieder geheimer halten und ihre verschlüsselten Qualitäten nur dem klugen und informierten Betrachter zukommen lassen?

MANIFEST VON THE FAKE’S PROGRESS

1986 findet Ruth Weber die Zahl 23 in einem Traum am Gardasee. [ >> Der Traum – Motiv für die Sammlung 23 ] 1991 entdeckt Louis Blank die Zahl 23 auf einem Schrank einer alten Boccia-Anlage in Mailand. Die Auffindung der selben Zahl, unabhängig voneinander, zu verschiedenen Orten und Zeiten, führte nach einem Zufallstreffen in Mailand zur Gründung von THE FAKE’S PROGRESS noch im selben Jahr. Im Manifest finden sich die Ziele und Statuten von THE FAKE’S PROGRESS. Der Name des Projekts ehrt den großen William Hogarth und seine Bildfolge The Rake’s Progress. Außerdem hat das Wort FAKE genauso wie das Wort IDEE aus dem Traum von Ruth Weber die Quersumme 23. Eine Chronologie der Ereignisse und Aktivitäten zur 23 seit 1986 wird im Folgenden aufgelistet. Das Ur-Manifest ist von 1995, es wurde 2001 und 2017 überarbeitet.

ZIELE UND STATUTEN VON THE FAKE’S PROGRESS

THE FAKE’S PROGRESS
  • beobachtet Kunst und Kultur
  • arbeitet mit Fälschungen und dient zuletzt der Wahrheitsfindung
  • ist gegen eine einzige und damit diktatorische, visuelle Öffentlichkeit
  • entlarvt scheinbar neue Bilder als vorformuliert
  • ist gegen Innovationsgier
  • fördert polyvalente Kunst
  • verändert nicht nur die Kunst, sondern möglicherweise auch ihren Kontext
  • läßt traditionelle Formen zu
  • liebt das Ursprüngliche, Echte
  • liebt das Vermittelte, Reproduzierte
  • wendet sich dem Menschen selbst zu
  • rät jedem Künstler, so wenig wie möglich auszustellen
    und in den Medien nicht präsent zu sein
  • geht nicht zu jedem Hundebegräbnis
  • schätzt den klugen und informierten Betrachter

Chronik der sonderbaren Ereignisse zu
Louis Blank, Ruth Weber und der Dreiundzwanzig

1986
Ruth Weber träumt den Traum mit der Zahl 23.

1991
R. W. und Louis Blank gründen THE FAKE’S PROGRESS aufgrund des gemeinsamen Interesses für die 23, Beginn der Sammlung.

1992
R. W. bekommt einen Roman geschenkt, der den Titel: »Die Erlebnisse der Ruth Weber« hat und von einer Malerin handelt, die schon gleich auf der ersten Seite stirbt, und deren Geschichte dann anhand von Tagebuchaufzeichnungen erzählt wird.

1993
Zwei Jahre nach der Gründung von THE FAKE’S PROGRESS findet R. W. auf dem Golzheimer Friedhof in Düsseldorf das Grab des Malers und Architekten Louis Blanc, der mit dem dortigen Künstlerverein Malkasten eng verbunden ist. Nach Louis Blancs Plänen wurde im 19.Jh. das neue Vereinshaus gebaut. R.W.’s Partner Louis Blank, der 1991 unabhängig in Mailand die 23 fand, beginnt für den Malkasten redaktionelle Arbeit zu leisten.

1995
Im Film »Singing in the rain« entdeckt Ruth Weber folgenden Dialog zwischen Gene Kelly und Donald O’Connor: »Welcher Tag ist heute?« »Der Dreiundzwanzigste!« »Das soll mein Glückstag sein!«
Louis Blank entdeckt in Paris eine nach ihm benannte Metrostation.

1997
R.W. und L.B. besuchen eine Ausstellung von On Kawara in St Gallen, der 23 Datumsbilder ausstellt, nachdem er 23533 Tage gelebt hat. Danach irren sie mit Hunger durch die Stadt, beim Verlassen des endlich gefundenen Restaurants entdecken sie, dass sie sich in der Webergasse 23 befinden.
R. W. veröffentlicht 7 Briefe an einen Maler, die alle am 23. eines Monats geschrieben sind.
Das Auto mit der Nummer D-RW 2323 parkt auf der Immermannstrasse in Düsseldorf.
R. W. beginnt mit den Gratulationsbriefen an ausgewählte Personen, die an einem 23. geboren sind.

1998
Ruth W. findet einen Rutil (!)  in einer Felsspalte, ganz allein auf dem Albrunpass, Binntal, CH. Rutil ist Titanoxid, manchmal mit Anteilen von Vanadium, welches das 23. Element ist.
Ecke Bonk macht R. W. darauf aufmerksam, dass W der 23. Buchstabe des Alphabets ist. Alle Buchstaben des Alphabets haben die Quersumme 351, R.W. ist am 3.8.51 geboren.

2000
Nicht nur Idee hat die Quersumme 23, sondern auch das Wort Fake.
In der Smorfia Toscana (hat mit Lotto zu tun) steht unter der 23 das Wort Tessitore und das heißt Weber.
Kauf der Arbeit »Idee« von Bernhard J. Blume

2001
Am 23. Januar Eröffnung der Ausstellung zur Zahl 23 im Künstlerverein Malkasten Düsseldorf

2004
An Ostern besucht R. W. zusammen mit Jan Kolata die Ausstellung 300 tons von Santiago Sierra im Kunsthaus Bregenz. Da Sierra im obersten Stockwerk des Hauses ca. 290 Tonnen Bausteine gestapelt hat, dürfen nur noch 100 Personen das Gebäude betreten, sonst wäre die Statik des Museums akut gefährdet. Also wird jeder Besucher gezählt, was auf einer großen, grünen, digitalen Anzeige gezeigt wird. Als R. W. das Haus betrat, leuchtete groß die 23 auf.

2011
Am dritten August feiert R.W. einen runden Geburtstag in Amsterdam. Sie besucht das Stedelijk Museum und erhält die Garderobenmarke 23. Sie macht ein Beweisfoto mit dem Garderobenwärter.

2017
Die Anzahl der 23-Belege in der Sammlung beträgt gut 400 Stück.

AKTIVITÄTEN UND PROJEKTE VON THE FAKE’S PROGRESS

seit 1991
vierhändiges Zeichnen und Fotokopieren
Entwurf eines Wochen- und Weltprogramms der Tugenden und Laster
Arbeit mit Anatomie, Knochen, Skeletten
Ankauf von Kunst
Beginn der Sammlung von Belegstücken zur Zahl 23

seit 1992
Künstlerumfragen
Arbeit über Temperamente und Leidenschaften

seit 1993
Bergwanderungen und Mineralienfunde, Studien zur Geologie, Mineralogie, Paläontologie, Astronomie

1993–1999
Interview der Ausstellungsmacher und Kuratoren nach den sieben Tugenden und Lastern

seit 1994
Korrespondenz mit the typosophic society, Austria

1994
erste zentrierte Gedichte
Kanopenproduktion, Meisterzeichnungen
Kunstmarktbeobachtung durch Dr. K. Anzenberger

1995
Manifest von TFP, Musterkoffer für Reisetätigkeiten

1996
Kröten und Schatzfiguren

seit 1997
Fotoserien Closeup, Phänomena und Ereignisbilder

1997
Projekt 23 in sieben Arbeitsgebieten
Sieben Briefe an einen Maler
Klausurzelle für Phantome
Fotografien von der auf Parkbänken liegenden R.W. in Südengland und Düsseldorf
Computergeneriertes Zeichnen

1998
Beobachtung eines Feuerbolliden nachts in Göttingen
Besichtigung von Goethes Mineraliensammlung in Weimar

1999
Kauf eines Vogelstimmentrainers
Erweiterung und Systematisierung der mineralogischen Sammlung, Aufbau einer Kunstkammer u. a. mit Mineralien, Plastiken aus Keramik, Wachs und Pappmaché

2000
Gründung des Freien Mineralogischen Instituts Monte Somma
mehrstimmiges Singen
Studium der Neapolitanischen Smorfia

2001
Ausstellung der Zahl 23 im Künstlerverein Malkasten Düsseldorf
Datenbank zur Gesteinssammlung

2003
Beginn Rheingeröllesammlung, weiterhin geologische, mineralogische und paläontologische Studien, Niederrhein, Normandie, Nahegebiet und Ostseeküste, Fossilien- und Artefaktensammlung

2007
Vullwunderbücher (Fotobücher)

2008
Arbeit mit Geologen, Exkursionen in Kiesgruben
Wortsammlungen, zentrierte Gedichte

2009
Edelsteinbücher, in vier Heften gebundene Zeichnungen

2013
Beginn der Filmaufnamen von Margit Bauer zu den Sammlungen von R.W.

2014
NULLA DIES SINE LINEA: tägliche Zeichnung nach einem Foto aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

2015
Uraufführung »Von Steinen spreche ich«, ein Film über die Sammlerin Ruth Weber von Margit Bauer, Filmwerkstatt Düsseldorf
Ausstellung von Rheingeröllen auf der Geologika, Bergisch-Gladbach

2015/2016
Aufführungen des Films »Von Steinen spreche ich«, im Kunstverein Malkasten Düsseldorf, im Antiquariat Querido in Düsseldorf und auf der Geologika, Bergisch-Gladbach

THE FAKE’S PROGRESS
Sieben Briefe an einen Maler

Ruth Weber

Mond
Weiß
Rhetorik
Silber
Glaube
Montag

Venedig, 23.8.93

Lieber Hans,
mir klopft das Herz bis zum Hals, die Knie werden weich. In den Spiegel schauend, seh ich mein bleiches Gesicht. In diesem Zustand stellt sich mir eine Assoziation ein, die anschaulich ist, ohne ein deutliches Bild zu zeigen.
Ich nehme wahr: Helligkeit, das Zittern eines weißblühenden Strauchs.
Es ist nicht wie ein Déjà-vu, bei dem ich im Nachhinein glaube sagen zu können, wie Bild für Bild sich eingestellt hätte. Das Déjà-vu gebärdet sich in der Gegenwart als schon erlebte Zukunft. Mein Erinnerungsgesicht dagegen, ausgelöst durch das Berühren von Telefontasten, ist ein Konglomerat der Sinne.
Ich nehme erneut wahr: die Verklebung meiner Finger mit einer durchsichtigen Haut.
Noch vorgestern haben wir über Zustände gesprochen, die durch Erinnerungen ausgelöst werden. Bei Dir hatte ein Espresso eine Euphorie verursacht, simultan stellte sich Dein Lebensgefühl von vor zehn Jahren ein. Nur als unbestimmte Empfindung, Du hattest keine bildhafte Situation vor Augen. Mit unendlich vielen Botschaften und Wahrnehmungspartikeln muß der Espresso am Anfang oder Ende einer hochverästelten Reaktionskette diese Lebensstimmung provoziert haben.
Das auslösende Zeichen für eine Erinnerung muß keine Ähnlichkeit mit dem Erinnerten haben, dies eine Regel der Mnemotechnik!
Neues Bild: meine Rippen verengen sich, und ich spüre an den sie haltenden Bändern und Muskeln ein katerartiges Ziehen. Ich frage Dich, wenn wir unsere inneren Bilder für die eigene Arbeit ausbeuten, ist es dann Geisteskrankheit, eine derartige Bilderflut zuzulassen?

Saluti, tante cose
Ruth

P.S. Ein digitales Weltarchiv, jede Erinnerung jederzeit abrufbar, gerät zur Horrorvorstellung! In einem mnemopathischen Zeitalter muß das Gedächtnis neu organisiert werden!

Mars
Rot
Arithmetik
Kupfer
Stärke
Dienstag

Berlin, 23.1.96

Also Hans, ich habe im Dahlemer Museum die kleine Landschaft mit Brücke von Rembrandt (?) gesehen: blaßgrünlichblauer Himmel am linken offenen Horizont, rechts die schweren, olivdunklen Wolken des Gewitters, jäh Gespenstisches in der grellen Beleuchtung der Bäume und in den Schattenzonen Ruhigvertrautes, ein seltsames Licht in den pastosen Kräuseln der Baumgruppe, wie schwefelfarbenes Kohlgestrüpp.
Habe sofort mit Gregor in Dresden telefoniert, der mich darauf hinwies, daß in Amsterdam Rembrandts Steinerne Brücke hinge, die das im Aufbau ähnliche Berliner Bild noch überträfe. Bis jetzt hab ich nur eine Katalogabbildung gesehen, und ich muß meinem Bruder zustimmen: angesichts des Drehens und Wirbelns in den Wolken, das sich gestaltähnlich in der beleuchteten Baumgruppe wiederholt und konzentrisch verdichtet, hab ich mich unbändig gefreut und mußte an Deine beiden »Landschaften« von 1991 denken, die in der Sammlung L.B. hängen.
Ein Bild provoziert eine Bewegung der Empfindung!
Für Dich aber will ich Bewegung auf drei Arten aussprechen:
Erstens ist uns bekannt, daß die Tränenflüssigkeit beim Anblick weniger Werke der Kunst hochzusteigen vermag, und das Herz ein schnelleres Tempo wählt.
Zweitens wird Bewegung auf den Bildern selber deutlich durch die Spuren der Malgeräte. Bei Deinen neuen Bildern gestattest Du nur wenige große Bewegungen, damit die Superzeichen auf der Fläche sitzen! Von ferne gesehen Superzeichen, von nahem komplexe Mikrokosmen (auch eine Bewegung, nämlich die des Betrachters!) Und drittens: die Kraft und Angriffslust beim Klettern gibt als ganzheitliche Bewegung über Ferne und Höhe Deinem Körper Ausdruck.

Steinbocksgrüße, Ruth

Merkur
Grau
Logik
Quecksilber
Liebe
Mittwoch

Straßburg, 23.11.94

Lieber Hans!
Hier endlich die Bestückung des Miniaturbuffets nach unserem Plan vom November 1993!
Zu- und Herrichten mit Lupe und Pinzette.
Fingerhüte für Soßen und Suppen.
Schmoren eines mit Speck umwickelten Schweinsfüßchens.
Jeweils eine Blaubeere mit zwei Safranfäden dekoriert.
Füllen eines Lauchröhrchens mit roten Forelleneiern.
Überziehen eines Pinienkernes mit Auberginenhaut.
Auslegen von Reiskörnern in gleichmäßigem Abstand und geraden Reihen.
Ziehen von Wein- und Ölpfaden mit einem Zahnstocher.
Aufschütten von Salzkristallen zu millimeterhohen Kreisflächen.
Ordnung aller Dinge zueinander in Ort und Anzahl und Farbe.
Komplementäres Grau
Ruth

Jupiter
Blau
Geometrie
Zinn
Gerechtigkeit
Donnerstag

Düsseldorf, 23.3.95

Lieber Hans!
Die Frage ist wirklich, ob die Provinzszene aufgemischt werden soll, oder nicht.
Manch einer, der seinen Namen über Düsseldorf hinaushört, glaubt, er hätte die Provinzialität überwunden. Und einer, der hier wieder arbeitet, oder immer noch, ist Weltbürger. Qualität ist eben keine Frage des Ortes! Wie aber kann man unterscheiden zwischen der subjektiven Befindlichkeit des Künstlers und der Modernität oder Aktualität seiner Arbeit? Einer, der Reinheit und Radikalität für seine Kunst fordert, muß keine faschistoiden Züge haben. Einer, der sich linksliberal gebärdet, zeigt künstlerisch ein naiv biederes Bild mit dem gängigen Klischee des gewollt furiosen, pinselschwingenden Künstlergenies, das der leidenschaftsverarmte Bürger, der sensationelle Exzesse nur medial kennt, so liebt.
Du gibst mit Deiner Arbeit ein Bild komplexer Zusammenhänge, fundamentaler Vorgänge, von Lebenszuständen. Du kümmerst Dich nicht um saisonale Stile und hast jenseits davon eine spezifische Aussage gefunden, die aber der zeitgenössischen Prägung Deiner Arbeit unbedingt gerecht wird!

Post-prae-und semi-avantgardistische Grüße

Ruth

Venus
Grün
Musik
Blei
Mäßigkeit
Freitag

Dresden, 23.8.96

Lieber Hans,
wenn ein Betrachter Deiner Arbeit gerecht werden soll, und sie empfinden soll in all ihren Dimensionen, dann braucht er seine sämtlichen Sinne. (Er weiß nichts von Deiner hochintensiven Forschung um eine neue Technik, um ein neues Verfahren. Im Idealfall müßte er fragen und fragen, brauchte einen Vermittler, der hilft, alle Dimensionen zu erfassen.)
Ich sehe Dich in der Nähe der Symbolisten, Du hast im Zusammenhang mit Deiner Arbeit selbst einmal die Synästhesie erwähnt.
Ich höre ein fast unerträgliches Tosen, spüre eine Unruhe, sehe ein Schillern und Funkeln und dann wieder ganz deutlich Töne: einerseits ein Zirpen und ein gleichmäßiges Strömen andererseits, hier ein paar Schläge, dann eine kurze Melodie. Aber es sitzt im Nacken und löst Unbehagen aus: Dein Bild mit dem spitzen roten Zungenfähnchen. (Wenn man es dreht, sitzt dort über dem Zungenast ein bösartiger, kleiner Dirigent, der den Taktstock wie einen Degen hebt.)
In Deinen früheren »Landschaften« sah ich Naturleben verdichtet und in der Dichte der Malerei gleichsam die greifbare Verkörperung eines Naturgeistes. Heute läßt Du die Superzeichen offen in der weißen Fläche stehen, läßt in ihnen, neben den gewohnten abstrakten, auch dingliche Aussagen zu, suggerierst beim Betrachter die merkwürdigsten Projektionen. Die gestaltbildende Kraft ist gefordert.
(Valery: …Andererseits muß dieses Große Kunstwerk auch dem Rezipienten die Entfaltung all seiner Fähigkeiten abverlangen…)
Blei ist Verwandlung.
Die Mäßigkeit sorgt dafür, daß Venus nicht übermütig wird!
liebe Grüße, Ruth

Saturn
Schwarz
Astronomie
Eisen
Klugheit
Samstag

Brüssel, 23.4.94

Lieber Hans!
Als ich Dir die Postkarte mit den Dinosauriern (Pleurocoelus) zeigte, sagtest Du lachend, ab jetzt wollest Du auch wieder solche Bilder malen.
In einer von Abendlicht durchfluteten Landschaft ist fern über dem See (Meer) schon Nebel aufgestiegen, das Wasser gelbgolden gefärbt. Die urzeitlichen, hohen Bäume sind in Rotgoldschimmer getaucht -, so daß die blutige Auseinandersetzung der beiden Saurier am Ufer, dramatisch schön, ihre Schrecklichkeit verliert.
Angesichts dieser effektvollen Trivialmalerei empfinden wir Genuß. Sie befriedigt elementare Bedürfnisse wie Schönheitsempfinden, Schauer der Angst, Sehnsucht nach Unendlichkeit…
Wie sehr bemüht man sich um Mehrdimensionalität bei der sogenannten erhabenen Arbeit! Wie ernsthaft ist sie, mühsam erkämpft, die besondere Position, der Wunsch nach Einmaligkeit. Du arbeitest als Forscher, bist Erfinder, in intensiver Auseinandersetzung mit der Materie.
Und wie leicht kann das Triviale, das, was auch der Künstler will, einlösen.
Auch das Kunstfertige kann als Triviales erhabene Empfindungen verursachen, ohne selbst erhaben zu sein.
Ich liebe diese Postkarte!
bis bald in Düdo, Ruth

Sonne
Gelb
Grammatik
Gold
Hoffnung
Sonntag

Rom, 23.6.96

Lieber Hans,
hier ein paar Gedanken zu deinem Bild mit den drei senkrechten Wolken,

  • drei glänzende Säulen in schimmerndem Gold
  • grammatikalische Anordnung der Figuren
  • hochgewachsen und schwebend und doch fest plaziert
  • Grammatik auch in der Auffaltung ihrer Binnenstruktur
  • Grammatik ist Vorschule, Samen für alle weiteren Künste
  • alle drei Samen ähnlich in der Gestalt
  • in ihnen erwächst, vielförmig angelegt, jeweils eine Regelwelt
  • die Großstruktur bleibt gleich, auch dreimal die mittlere Öffnung
    (oder schweben hier die drei Wolken als Positiv?)
  • die irrisierende Innenwelt zeigt einen Reichtum an Abwandlungen
    trotz ihrer angelegten Gesetzmäßigkeit

Dank an die Dioskuren, deren drei Säulen ich heute auf dem
Forum Romanum wieder sah!
Saluti, Ruth


Textbeitrag für die Publikation Hans Brändli, Alkohol und Läuse,
1996 Galerie Schönewald und Beuse, Düsseldorf, Galerie Benzeholz, CH-Meggen