Im März schneit es

Kann ich schreiben, dass
mit dem halben Blick zum Rhein
die Idee entspringt?
Fahr ich trotzig fort in meiner Arbeit,
verwundert wissend, welch kleiner Rest da ist
aus meinen früheren Tagen.
Was ist geblieben von den Plänen der Nein-36-Tage?
Da sind sie, wo sie immer war’n, im Traum, im nächtlichen Gesicht,
nur in der Vorstellung, der geladenen.
Ganz tief im Inneren sitzt ein Zwerg,
der wutentbrannt die Schleimhäute zum Brennen bringt.
Wartet – alle paar Stunden die Hitze nach oben zu jagen
in das Gesicht der blassen Freundin.
Tippeln die Dackel,
steigt der Dampf,
fließt der Rhein.
Zerspringt in weinerlicher Freude, aber doch wirklich und wahr
das Herz in der Brust.

März 2008

Im März schneit es II

Ich kann meine Finger nicht mehr spannen,
als hätt’ ich zu lang schon gewartet.
Die Haut ist trocken,
das Papier schneidet feinste Schnitte in ihre Oberfläche.
Aurora auf den Monitoren.
Auf dem Rhein
Verkehr vom Feinsten.
Trockenzunge klebt am Gaumen,
die Zeiger stehn auf zwölf.
Vom Braun zum Schieferblau wechselt die Farbe des Rheins,
gegenüber scheint die Sonne,
ein ferner Schauer von Graupel und Schnee jagt hierher.
Reiher fliegt, Kormoran trocknet, Falke rüttelt.
Steht der ferne Freund an
Kilometer siebenvierzwo?

 

März 2008

Es ist genug

Sei dankbar für dein Augenlicht,
die mouche taucht auf und ab.
Sei dankbar für den Augenblick,
du lebst doch saus und braus.
Weiße Spucke treibt auf dem Rhein,
blanke, krumme Hölzchen
markieren den Hochwasserrand.
Wasser weiche und gib mir meinen Stein!
Kennt ihr noch den Imperativ?
Ich warte auf meine alten Rinderzähne,
die kleinen Kronen aus dem Rhein, fein nach Perlmutt schimmernd.
Rosa Naheachat und bunte vulkanische Porphyre, schöner Mandelstein.
Seelilienstängel in grauem Kalk.
Schluss aber
fernes Licht im Nebel, was drehst du dich umsonst?
RIVER KWAI stromabwärts.

 

 

März 2008

Für Dich

Was brauchst Du noch, ich frage mich.
Was brauch ich noch, du fragst dich nicht.
Du weißt es, denkst es, sprichst es, tust es.
Ich nicht?
Und trotzdem, glaub mir, lieb ich dich.
Ich seh Dich in der Straßenbahn mit tief gesenktem Kopf,
in Deinem eignen Weltenraum
schaust Du die Pläne nah,
bis Du die Brille wieder trägst
und lächelst mich dann an.

Ich sehe Dein Gesicht ganz fein mit einem leichten Bart,
die Linien weich und zart.
Vertrau mir, denn ich sehe Dich auf meine eigne Art.

Wir beide zanken fechten maul. Wir beide lachen, essen, trinken.
Ach, lass uns noch ein gutes Stück
zusammen gehn,
uns eine lange Weile sehn.
Und große Dinge tun.

 

März 2008

11.11 Uhr

Wie lieb die Schäfchen am Golfplatz weiden
über ihnen die hohen Kamine
die Tulpen haben die Halsschmerzen gemacht
und bilden eine Waage
so schön im offenen Gleichklang
heute will ich rechnen
ein Dreieck zur Dreiundzwanzig
zwischen Eins und Neun.

 

März 2008

Müde

Müde bin ich, geh zur Ruh,
weil ich aber alte Bilder sah,
geh’n mir keine Augen zu.

Vor den Jahren gab’s die Welt
groß und weit und schön und bunt.
Rote Augen heute, weise Greise.

Was haben wir gesehen
und damals war’s kein Wunder,
das geheime Jadegärtlein scheint in Sonn und Spiegel.
Ein schöner Glanz und Tropfen schmücken den Sonnentau.

Verborgener Schatz

 

September 2008

Dezember

Rechte Schmerzen
armunkank
freut der sich in seinem Heim
weihnacht kommt ins silber
flussblau Sonn und blend
wolkenfarben
schaut aufs Schiff der Mann und Hund
Möwen steigen
Schiffe schneiden das Band
Auge kannst du lang noch sehn
wie die Welt vergeht
hohle Galle
dunkel kommt.

 

Dezember 2009

Frau

Eine Frau
geht vorüber seltsam altmodisch
mit einer Frisur wie Liz Taylor
ihr Gesicht leuchtet in der Abendsonne
die rosagestreifte Bluse wirkt kühl
sie hat eine elegante Bewegung in ihrem Gang
sinnliche Züge in Mimik und Gestik
wie seltsam an einem 17. Juli am Rhein
es ist noch 26 Grad Celsius
und 19.53 Uhr.
Offene Terrassentür und Sommergefühl
Platanen mit vollem Laub verdecken die Rheinufer.

 

Juli 2013