{"id":830,"date":"2018-05-29T12:07:02","date_gmt":"2018-05-29T10:07:02","guid":{"rendered":"http:\/\/ruth23weber.de\/blog\/?p=830"},"modified":"2018-05-30T12:50:19","modified_gmt":"2018-05-30T10:50:19","slug":"notizen-zu-hanns-josef-ortheils-besuch-am-niederrhein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/notizen-zu-hanns-josef-ortheils-besuch-am-niederrhein\/","title":{"rendered":"Notizen zu Hanns-Josef Ortheils Besuch am Niederrhein"},"content":{"rendered":"<p>Gestern Nachmittag fuhr ich in der sommerlichen Hitze (Es ist erst Ende Mai!) zu einer meiner j\u00fcngeren Schwestern an den Niederrhein. Auf der Autofahrt h\u00f6rte ich die Stimme von Alfred Deller, er sang \u00abmusic for a while\u00bb von Henry Purcell. Diese sch\u00f6ne Stimme des Countertenors, die schmerzvollen, aber erl\u00f6senden Worte, der Gesang, der N\u00f6te zerstreuen will, was bedeutet das f\u00fcr mein Vorhaben am Niederrhein? Ich m\u00f6chte zu einer Lesung von Hanns-Josef Ortheil.<br \/>\nIch assoziiere:<br \/>\nMelancholie (trifft zu)<br \/>\nMusik als Lebenselixier (trifft zu)<br \/>\nAlte Musik (trifft zu)<br \/>\nSo fremd ist diese musikalische Einstimmung auf den Leseabend nicht.<br \/>\nEs gibt schon seit Wochen f\u00fcr diese Veranstaltung keine Karten mehr, restlos ausverkauft. Ich versuche trotzdem, an der Abendkasse f\u00fcr mich und meine Schwester eine Karte zu bekommen. Ich muss noch eine halbe Stunde warten, ehe die Kasse \u00fcberhaupt \u00f6ffnet. Man macht mir keine Hoffnung. Bis jetzt hat noch niemand seine Karte zur\u00fcckgegeben. Dann um 18.45 Uhr hei\u00dft es, man habe acht Kinderst\u00fchle aufgestellt, ob das so ginge. Ja, ich akzeptiere. Da man keine Eintrittskarten mehr in Papierform hat, schreibt die Dame an der Kasse mir mit blauem Kugelschreiber auf den Unterarm:<br \/>\n2 x K-Stuhl.<br \/>\n(Ein Foto davon ist vorhanden, sieht aber aus wie aus der Fleischbeschau beim Metzger, deswegen hier nicht ver\u00f6ffentlicht.)<br \/>\nHanns-Josef Ortheil signiert dann ab 19.00 Uhr mit Engelsgeduld etlichen Lesern und Leserinnen unz\u00e4hlige B\u00fccher. Er sei zu Fu\u00df vom Bahnhof in den Veranstaltungsraum gekommen, wird sp\u00e4ter gesagt und, dass er nach der Lesung auch sofort wieder weg m\u00fcsse.<br \/>\nDann beginnt die Lesung in der sehr gut gef\u00fcllten Halle. Viele f\u00e4cheln sich mit Prospekten Luft zu. Hanns-Josef Ortheil macht noch schnell ein Foto von der B\u00fchne. Ich bewundere ihn wegen seiner Ausdauer, nach einst\u00fcndigem Signieren mit gro\u00dfer Gelassenheit auf die B\u00fchne zu gehen und dann mit kraftvoller Stimme leicht und luftig (die Schw\u00fcle scheint ihm gar nichts aus zu machen) mit seinem Vortrag und seiner Lesung zu beginnen. Zwei seiner B\u00fccher, die er heute Abend vorstellt, habe ich schon gelesen, zwei weitere sind mit diesen verbandelt und wie Ausschnitte oder Fortf\u00fchrungen der beiden anderen. Das ist heute Abend pl\u00f6tzlich klar: sie sind alle wie Verwandte aus ein und der selben Geschichte, jedoch immer aus jeweils anderen Perspektiven. Die Worte seiner vorgetragenen Passagen und auch die in lockerer Erz\u00e4hlform gesprochenen scheinen vertraut und so nahe, wie wenn man mit Freunden oder der Familie spricht. Er flicht Geschehnisse ein, wie selbst erlebt (sind sie ja auch), nichts wirkt k\u00fcnstlich. Dass durch sein pers\u00f6nliches Erleben, sein eigenes Leben ihm die Stoffe nie ausgehen werden, wurde mir durch das unmittelbare Gegen\u00fcber seiner Person ganz deutlich. Es war zu sp\u00fcren: Freundlichkeit, Humor, eine genaue Beobachtungsgabe und eine aus den einfachen Alltagsgeschichten sich unmittelbar einstellende Tiefe.<br \/>\nNach der Veranstaltung hab ich ihn ganz kurz begr\u00fc\u00dft und ihm eine gute Reise gew\u00fcnscht.<br \/>\n\u00abDer Typ ist da\u00bb werde ich vielleicht nicht lesen. Mich hat im Titel das Wort Typ gest\u00f6rt. Das ist mir zu salopp. Auch bin ich sehr empfindlich, was die Illustration auf dem Titel des gebundenen Buches angeht. Die Illustration auf dem Taschenbuch gef\u00e4llt mir viel besser. Ich mag nur ganz bestimmte Zeichnungen, besonders die von den gro\u00dfen Zeichnern der Kunstgeschichte, oder auch die von zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstlern, aber nicht die von geschulten Illustratoren\/Grafikern (mit Ausnahmen). Dass es in der Geschichte des Matteo wohl ums Zeichnen als Aneignung von Welt geht, ist \u00e4u\u00dferst spannend. Das Zeichnen ist das Medium, das die unmittelbarste \u00dcbersetzung des Sehens bedeuten kann. Die Bewegungen, der Strich, Anh\u00e4ufungen von Graphit und Farbst\u00e4ubchen sind und bleiben ja die wirklichen, wahren Spuren des Zeichners.<br \/>\nBarlach und Kollwitz, die im Roman wohl vorkommen, sind mir leider durch schlechte Nachahmer aus der \u00abmodernen\u00bb Kirchen- und Moralkunst der 50\/60er Jahre verleidet. Daf\u00fcr k\u00f6nnen sie zwar nichts. Dennoch hat mich die von Ortheil vorgelesene Passage, als Matteo den Schwebenden von Barlach in der Antoniterkirche in K\u00f6ln entdeckt, schon ziemlich fasziniert.<\/p>\n<p>Die vier B\u00fccher des Abends in Geldern waren:<br \/>\n\u00abParis, links der Seine\u00bb, \u00abWas ich liebe &#8211; und was nicht\u00bb, \u00abDer Typ ist da\u00bb, \u00abCicchettario: Die legend\u00e4ren Rezepte des Al Bottegon in Venedig\u00bb von Alessandra de Respinis und Ortheil. Die beiden erst genannten habe ich gelesen und ich finde sie wunderbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Nachmittag fuhr ich in der sommerlichen Hitze (Es ist erst Ende Mai!) zu einer meiner j\u00fcngeren Schwestern an den Niederrhein. Auf der Autofahrt h\u00f6rte ich die Stimme von Alfred Deller, er sang \u00abmusic for a while\u00bb von Henry Purcell. 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