{"id":7935,"date":"2023-10-08T19:04:13","date_gmt":"2023-10-08T17:04:13","guid":{"rendered":"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/?p=7935"},"modified":"2023-10-23T16:26:15","modified_gmt":"2023-10-23T14:26:15","slug":"die-jacke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/die-jacke\/","title":{"rendered":"Die graue Jacke"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-7937\" src=\"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/2003DiegraueJacke-700x457.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"457\" srcset=\"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/2003DiegraueJacke-700x457.jpg 700w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/2003DiegraueJacke-300x196.jpg 300w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/2003DiegraueJacke-768x501.jpg 768w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/2003DiegraueJacke-1536x1002.jpg 1536w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/2003DiegraueJacke-800x522.jpg 800w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/2003DiegraueJacke.jpg 1743w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\nHeute finde ich ein Foto von einem Sommer in der Schweiz. Meine Schwester fotografierte mich auf einem Balkon \u00fcber dem Vierwaldst\u00e4ttersee bei Gersau. Ich betrachte mit der Zehnfach-Lupe Mineralien, die ich auf der Baustelle des Gotthard-Basistunnels \u2013 frisch aus dem Tunnel, vor dem haushohen Bohrkopf gerettet vom Strahler Peter Amacher selbst \u2013 gekauft hatte. Auch liegen noch Mineralien dabei aus der Gegend um Sedrun in Graub\u00fcnden, wo es einen Zugang zur Baustelle des Tunnels gab. Bergkristalle, Quarzstufen mit Pyrit und Chlorit, Rauchquarz, eine H\u00e4matitrose mit orientiert aufgewachsenem Rutil und Morion, der fast schwarze Quarz.<br \/>\nBei Altdorf in Uri konnte man die Bausstelle der NEAT in diesem Sommer besichtigen. Meine Schwester und ich fuhren mit Bussen tief in den Bauch des Berges, gingen dann weiter zu Fu\u00df bis zum Bohrkopf. Ich hob einen unspektakul\u00e4ren grauen Stein aus dem Berginnern am Rande des Weges auf, der h\u00e4tte sonst nie das Licht der Welt gesehen \u2013 man sieht ihn vorne auf dem Tischchen liegen.<br \/>\nDie graue Jacke, die ich auf dem Foto trage, ist warm, vielleicht war es ein k\u00fchler Augustabend. Und, was soll ich sagen, dieselbe Jacke trage ich jetzt, auf dem Laptop schreibend mit Blick auf den Rhein, am heutigen Sonntag, den 8. Oktober 2023 \u2026 zwanzig Jahre nach der Aufnahme hat dieser banale Zufall mich schockiert. Ein punctum (im Sinne Roland Barthes&#8216;)?<br \/>\nHanns-Joseph Ortheil schreibt in seinem Buch <em>KUNSTMOMENTE,<\/em> das er mir freundlicherweise zuschickte, auf Seite 34: <em>\u00bbDas \u00bbStudium\u00ab bleibt aber, Roland Barthes zufolge, beim Betrachten von Fotografien nicht allein. Oft gesellt sich vielmehr ein zweites Moment der Beobachtung oder des Blickes hinzu, das er \u00bbpunctum\u00ab nennt: \u00bb\u00bbDas zweite Element, welches das studium aus dem Gleichgewicht bringt, m\u00f6chte ich daher punctum nennen; denn punctum, das meint auch: Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt &#8211; und: Wurf der W\u00fcrfel. Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zuf\u00e4llige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).\u00ab\u00ab<\/em><br \/>\n<em>Auch daf\u00fcr habe ich Beispiele* gegeben: Der Sonnenhut meines Onkels, das L\u00e4cheln des Vaters, die Milchkanne und die bereitgehaltenen Tassen der Geschwisterrunde &#8211; sie nahm ich als einzelne Momente eines punctum wahr: bestechende, entwaffnende, sprachlos machende, wie ein Blitz erscheinende, h\u00f6here Zuf\u00e4lligkeit. Solche Momente entwerfen keine \u00bbBedeutung\u00ab, sie sind keine Repr\u00e4sentanzen eines m\u00f6glicherweise \u00bbl\u00e4ndlichen Lebens\u00ab wie auf einem Gem\u00e4lde.<\/em><br \/>\n<em>Nein, sie erscheinen pl\u00f6tzlich, durchsetzen das nerv\u00f6ser und fiebriger werdende \u00bbStudium\u00ab und verankern im Betrachter die Gewissheit, von einem sehr direkten Impuls des \u00bbLebens an sich\u00ab getroffen oder ber\u00fchrt worden zu sein.\u00ab<\/em><br \/>\nIst die graue Jacke ein echtes <em>punctum<\/em>? Einem anderen Betrachter des Bildes wird sie nichts geben. Nur ich als wissende, vom Zufall der Ereignisse getroffene Archivsucherin kann hierin ein <em>punctum<\/em> sehen. Die \u00dcberlegungen Ortheils best\u00e4tigen mich darin \u2013 f\u00fcr mich ist sie eine Spur des Lebens.<\/p>\n<h5><em>*Ortheil bezieht sich hier auf Familienfotografien, RW<br \/>\n<\/em><em>Zitat aus Hanns-Joseph Ortheil \u00bbKUNSTMOMENTE, Wie ich sehen lernte\u00ab, btb, 2023<br \/>\n<\/em><em>Sommer in Gersau am Vierwaldst\u00e4ttersee, Schweiz, Fotografie Stefanie Weber, August 2003<\/em><\/h5>\n<h5><em>\u00a0<\/em><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute finde ich ein Foto von einem Sommer in der Schweiz. Meine Schwester fotografierte mich auf einem Balkon \u00fcber dem Vierwaldst\u00e4ttersee bei Gersau. Ich betrachte mit der Zehnfach-Lupe Mineralien, die ich auf der Baustelle des Gotthard-Basistunnels \u2013 frisch aus dem Tunnel, vor dem haushohen Bohrkopf gerettet vom Strahler Peter Amacher selbst \u2013 gekauft hatte. 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