{"id":2115,"date":"2018-12-10T14:22:46","date_gmt":"2018-12-10T13:22:46","guid":{"rendered":"http:\/\/ruth23weber.de\/blog\/?p=2115"},"modified":"2018-12-14T23:59:41","modified_gmt":"2018-12-14T22:59:41","slug":"gleichsam-gefrorne-thraenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/gleichsam-gefrorne-thraenen\/","title":{"rendered":"Gleichsam gefrorne Thr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-2118 size-large\" src=\"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross-700x525.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross-700x525.jpg 700w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross-300x225.jpg 300w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross-768x576.jpg 768w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross-800x600.jpg 800w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross-80x60.jpg 80w, https:\/\/ruth23weber.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/018NEATGross.jpg 1500w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a>Judith Schalansky schreibt in der FAZ vom 8. Dezember<em>. <\/em>Es ist ihre Dankesrede anl\u00e4\u00dflich der Wilhelm Raabe Preisverleihung. Schon lange verfolge ich die von ihr herausgegebenen, ausgezeichnet gestalteten B\u00fccher in den <em>Naturkunden <\/em>bei Matthes und Seitz. Als Autorin hatte ich sie bislang noch nicht ber\u00fccksichtigt. Wie sehr verwandt allerdings unsere Vorlieben sind, wurde mir nun verbl\u00fcffend klar, als ich diese Rede las. (Danke f\u00fcr den Hinweis, Klaus Seitz!) Sie beschreibt darin sorgf\u00e4ltig das Inventar eines Kunstkammerschranks aus Braunschweig und bei der Lekt\u00fcre des <em>Musaeum Clausum <\/em>von <em>Sir Thomas Browne, <\/em>Arzt und Philosoph des 17. Jahrhunderts, ist sie auf abstruse Listen der seltsamsten Dinge gesto\u00dfen. Auch in Wilhelm Raabes Werken fand sie wunderliche Einzelheitenbeschreibungen. Hier trifft Judith Schalansky meine Vorliebe f\u00fcr die<strong> 23<\/strong>:<br \/>\nDer <em>Magister Noah Buchius<\/em> in <em>Das Odfeld<\/em> f\u00fchrt in seinem Kabinett unter <em>Nro. <strong>23<\/strong>. : Ein barbarisch Horn vom Urochsen, Bos primigenius, auch Wisent genannt. Ehedem von den Barden beim Gottesdienst und in der Bataille zum Tuten gebracht. Dieses hiervorhandene Exemplar soll sich im Kuhhirtenhause zu Lenne hinter dem Till vorgefunden haben. NB. mir von denen Herren Primanern zu meinem Geburtstage zugetragen und dediciret.<br \/>\n<\/em>Ich habe sofort in meinem Buch von Umberto Eco <em>Die unendliche Liste\u00a0(2009) <\/em>nachgeschaut, ob er auch das <em>Musaeum Clausum<\/em> von Browne oder Wilhelm Raabe erw\u00e4hnt. Nein, das nicht \u2013aber \u00e4hnliche Sch\u00e4tze \u2013 in diesem f\u00fcr Sammler und Archivierer so herrlichen Nachschlagewerk finden sich unter Wunderkammerinventaren auch Listen aus der Literatur und bildenden Kunst. Eco schreibt aber selbst im Vorwort, dass er\u00a0nicht alles aufnehmen konnte, dass er seine Sammlung von Aufz\u00e4hlungen als Undsoweiter-Listen sieht.<br \/>\nNun habe ich gesehen, dass Sir Thomas Browne an anderer Stelle wunderbare Steinbeschreibungen verfasst hat. In seiner Untersuchung <em>Pseudodoxia Epidemica, <\/em>beschreibt er unter anderem in sechs B\u00fcchern, was es an <em>Irrth\u00fcmern <\/em>\u00fcber <em>Mineralien, Gew\u00e4chse, Thiere, Menschen, Bilder und Gem\u00e4lde, Welt= und Geschicht-Beschreibungen<\/em> gibt<em>. <\/em>\u00dcbersetzung Christian Peganium (Ratner) 1680, Frankfurt und Leipzig, Christoff Riegeln Verlag. Daraus zitiere ich eine besonders sch\u00f6ne Stelle: <em><br \/>\nDer 173. Satz<br \/>\nDoch ist von den Edelgesteinen eine andere Meinung zu fa\u00dfen: denn dieselben sch\u00f6pfen ihre Formen aus den klaresten Quellen des Himmels und der Sonnen\/ und ihre K\u00f6rper sind die allersaubersten Tr\u00f6pfflein des aufs h\u00f6chste gereinigten\/und mit himmlischen Einfl\u00fc\u00dfen geschw\u00e4ngerten \/Thaues\/und gleichsam gefrorne Thr\u00e4nen des Himmels: daher sie sehr viel und hohe Tugenden in sich begreiffen.<\/em><\/p>\n<p>Das Wort<em> Kristall, <\/em>aus dem Griechischen (\u03ba\u03c1\u03cd\u03c3\u03c4\u03b1\u03bb\u03bb\u03bf\u03c2) kommend, bedeutet bekannterma\u00dfen Eis. Man glaubte, Bergkristall sei gefrorenes Eis, was in tiefsten Temperaturen entstanden, nicht mehr schmelzen k\u00f6nne. (auch dar\u00fcber spricht Browne in seiner Abhandlung) Ganz so unrecht hatten die Alten nicht. Nur war auch Hitze im Spiel. Nach vulkanischen oder tektonischen Vorg\u00e4ngen kommt es durch die Abk\u00fchlung von hydrothermalen L\u00f6sungen zur Abscheidung von SiO<sub>2 <\/sub>an den W\u00e4nden von Kl\u00fcften, G\u00e4ngen oder in rundlichen Hohlr\u00e4umen (Geoden) und es k\u00f6nnen sich bei gen\u00fcgend Raum sogar freistehende oder kopf\u00fcber wachsende Bergkristallnadeln mit sch\u00f6nen Spitzen bilden.<\/p>\n<h5><em>Quarz, Chlorit, Calcit, L\u00e4nge des prominenten, wasserklaren Bergkristalls, circa 4,5 cm, Stufe aus der Tiefe des Berges, NEAT-Tunnel-Baustelle, Amsteg, 2003<\/em><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Judith Schalansky schreibt in der FAZ vom 8. Dezember. Es ist ihre Dankesrede anl\u00e4\u00dflich der Wilhelm Raabe Preisverleihung. Schon lange verfolge ich die von ihr herausgegebenen, ausgezeichnet gestalteten B\u00fccher in den Naturkunden bei Matthes und Seitz. Als Autorin hatte ich sie bislang noch nicht ber\u00fccksichtigt. 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